bedeckt München 27°

Drill an japanischen Schulen:Prügelstrafe zur Abhärtung

Children sit inside a classroom on their first day of school at Shimizu elementary school in Fukushima

Kritiker in Japan beklagen Konformitäts- und Leistungsdruck an Schulen.

(Foto: Carlos Barria/Reuters)

Gewalt durch Lehrkräfte ist in Japan immer noch Alltag. Der Suizid eines 17-Jährigen, der von seinem Basketball-Trainer regelmäßig geschlagen wurde, wirft jetzt Fragen nach der richtigen Erziehung auf. Doch prügelnde Lehrer sind nicht das einzige Problem an den Schulen.

Von Christoph Neidhart

Mit beiden Händen hat er ihn geschlagen, immer wieder, aber niemand hat sich eingemischt. Auch als der Basketball-Trainer auf den Kopf des Kapitäns seiner Schülermannschaft eingeprügelt hat, haben zwei Assistenten nicht eingegriffen. Sie hätten sich nicht in die Methoden des Coaches einmischen wollen, sagten sie später, als sich der 17 Jahre alte Mittelschüler umgebracht hatte.

38 der 50 Mannschaftskameraden des Opfers geben an, sie seien von diesem Coach ebenfalls verprügelt worden. Der 47 Jahre alte Trainer rechtfertigte die Gewalt noch vor der Schulleitung - sie sei "eine notwendige Maßnahme, um das Team stärker zu machen". Vielleicht sei er in diesem einen Fall "zu harsch" gewesen.

Der Leitung der renommierten Sakuranomiya-Schule in Osaka - mehrere Gewinner von Olympia-Medaillen wurden hier ausgebildet - war schon vor einem Jahr berichtet worden, der Coach wende Gewalt an. Der 17 Jahre alte Schüler hatte seiner Mutter nach dem Training am 22. Dezember 2012 erzählt, der Coach habe ihn "wieder 30- bis 40-mal geschlagen".

70.000 Fälle von Mobbing

Kurz zuvor hatte sich das Opfer in einem Brief an den Coach beklagt, den Brief aber nicht abgeschickt - er habe ihn seinen Mitschülern gezeigt, die, so die Schulbehörden von Osaka, ihm geraten hätten, ihn zurückzuhalten. Der Coach würde sonst noch gröber. Am nächsten Morgen fand die Familie den Jungen erhängt in seinem Zimmer.

Nach dem Selbstmord wird nun in Japan eine alte Diskussion geführt: Was ist bei der Erziehung zum disziplinierten Schüler noch streng, was schon brutal?

Die Prügelstrafe ist verboten, doch sie werde nach wie vor eingesetzt, räumen die Schulbehörden ein. "Zur Abhärtung", wie es heißt. Nach einem ähnlichen Selbstmord vor einem Jahr in einem Basketball-Team in der Präfektur Aichi sagte ein Mitschüler des Toten, als Schüler nähmen sie die Prügel hin, weil sie sonst ihre sportlichen Ambitionen aufgeben müssten.

Der Blick auf die jüngsten Selbstmorde zeigt ein weiteres Problem. Denn Halt in der Gruppe suchen die Schüler oft vergeblich, im Gegenteil: Zuweilen sind Mitschüler ihre schlimmsten Feinde. 2011 haben die Behörden 70.000 Fälle von Mobbing durch Mitschüler registriert. Die Dunkelziffer ist hoch. Von vier gemobbten Kindern ist bestätigt, dass sie vergangenes Jahr keinen anderen Ausweg sahen als Selbstmord.

Ein besonders schlimmer Fall trug sich an einer privaten Mittelschule in Sendai zu. Vor einem Jahr wurde dort ein 16 Jahre alter Schüler ständig von Mitschülern getreten und verhauen, mit Zigaretten fügten sie ihm 22 Brandwunden auf den Armen zu. Im Sommer konnte er nicht mehr, er blieb zu Hause. Als der Fall bekannt wurde, entschuldigte sich die Schule bei dem Jungen, nahm ihn jedoch nicht wieder auf. Der Grund: Der Anblick der Brandnarben wäre für die andern Schüler unangenehm.

Über die Ursachen des Ausgrenzens durch Mitschüler lässt sich nur spekulieren. Schon die Kleinen im Kindergarten werden auf Konformität gedrillt, in Japan stößt man daher mit jedem Anderssein an. Zumal die Regierung die Fiktion einer ethnischen Homogenität Japans hochhält.

Auch wird kritisiert, dass die Aufnahmeprüfungen guter Privatschulen so schwierig seien, dass die Kinder bis spät in die Nacht lernen müssten. Die Eltern fänden gar keine Gelegenheit, sie zur Menschlichkeit zu erziehen.

© SZ vom 18.01.2013/jobr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema