Der Referendar über sein Standing Für einen Moment dienstlich

Ich selbst hatte damit zwar auch im ersten Halbjahr keine Schwierigkeiten, aber man hörte doch immer wieder von empörten Eltern, die die Qualifikation oder Eignung eines Referendars anzweifelten und im Gespräch zum Beispiel die Rücknahme einer schlechten Note erwirken wollten. An meiner jetzigen Schule ist der Mensch hinter dem Pult ein Lehrer wie jeder andere. Natürlich nehmen die Schüler wahr, dass man vergleichsweise jung ist. Aber Ärgernisse aufgrund der Tatsache, dass man ja "nur" Referendar ist, bleiben einem in aller Regel erspart.

Kein Gerade-so-nicht-mehr-Student

Elterngespräche führe ich völlig eigenständig, so nehmen mich auch die Eltern als vollwertige Lehrkraft wahr. Da ist es dann auch einerlei, wenn einem beim abendlichen Ausgehen, nach dem dritten Glas Wein, auf dem Boden sitzend und mit Zigarette im Mundwinkel, eine Schülerin aus der Siebten samt Eltern fast über die Füße fällt. Souverän stehe ich auf, begrüße zunächst das Mädchen, dann ihre Eltern namentlich mit Handschlag und referiere auf höfliche Nachfrage der Mutter ("Ich weiß es sind Ferien, aber dürfte ich denn einen Moment dienstlich werden?") aus dem Stegreif über die Leistungen des Mädchens während der vergangenen Wochen. Ich fühle mich wie ein Vollprofi!

Aus der elterlichen Gestik und Mimik schließe ich, dass sie mich nicht für einen postpubertären Gerade-nicht-mehr-Studenten halten, der einen im Tee hat, sondern für einen tauglichen "Volllehrer". Einen, der selbstverständlich in seiner Freizeit auch einmal abschalten muss. Darauf gönne ich mir noch ein Glas Wein!