Der Referendar über den Elternabend "Ah, der Depp"

Der Schüchterne

Ein kaum vernehmbares Klopfen kündigt den nächsten Elternabendbesucher an. Vor der Tür steht ein sichtlich unsicherer Schülervater. Beim Handschlag merke ich, dass seine Nervosität die Transpiration der Handinnenflächen angeregt hat. Durch lockeres und freundliches Auftreten versuche ich, dem Mann ein wenig von seinem offensichtlichen Unbehagen zu nehmen. Seine leicht schnappende Atmung zeugt aber weiterhin davon, dass ihm die Situation unangenehm ist. Er spricht sehr leise und ich muss mich enorm konzentrieren, um ihn zu verstehen.

Sein Sohn habe zwar keinerlei Probleme in Sachen Noten, flüstert er, aber er würde von mir gern wissen, wie er sich denn in der Klassengemeinschaft mache. Ich zögere einen Moment, ehe ich antworte. "Mark ist soweit gut integriert. Allerdings sollte er an seinem Selbstbewusstsein arbeiten. Er meldet sich selten zu Wort, obwohl er die Antwort immer weiß, wenn ich ihn aufrufe. Und auch bei Präsentationen fühlt er sich merklich unwohl." Jetzt, wo ich Marks Vater kenne, wundert mich das allerdings nicht mehr.

Skurrile Prüfungsantworten

"Um ganz ehrlich zu sein, das Thema langweilt mich"

Der Strenge

Im Anschluss das totale Kontrastprogramm: Jemand hämmert energisch an die Tür, die aufgerissen wird, ehe ich mich von meinem Stuhl erhoben habe. "Was hat mein Junge denn jetzt schon wieder ausgefressen?" Mir sitzt der rabiate Vater eines aufgeweckten, humorvollen, aber recht leistungsschwachen Schülers aus meiner 7. Klasse gegenüber.

Ich berichte davon, dass ich Alex mit der Stegreifaufgabe wohl ziemlich überrascht habe, obwohl sie durch die Blume angekündigt war. "Ah, der Depp. Bei dem müssen Sie ruhig die Daumenschrauben andrehen. Und ich werde dem zu Hause einen ordentlichen Einlauf verpassen, dann sollte es die nächsten Wochen wieder laufen." Die Strenge in seinem Ton schafft ein unangenehmes Klima und ich rudere mit versöhnlichen Aussagen über den Schüler ein wenig zurück, weil ich das Gefühl habe, ihn in Schutz nehmen zu müssen. Angstfreies Lernen sieht anders aus und die eine oder andere schlechte Leistung des Schülers erklärt sich mir jetzt.

Die Engagierten

Gen Ende des Elternabends empfange ich die Eltern eines türkischstämmigen Kindes. Beide sind elegant gekleidet und begrüßen mich höflich in nahezu akzentfreiem Deutsch. Sie treten fast demütig auf und ich habe das Gefühl, als Lehrer ihren größten Respekt zu genießen. Auch mal ein schönes Gefühl.

Ihr Sohn, ein netter, dynamischer Junge, hat einige Probleme in Französisch und der Vater notiert akribisch mit, wo meiner Meinung nach Lücken zu schließen sind. Die Mutter erklärt mir, dass sie selbst ihrem Sohn nicht helfen könnten, da sie kein Französisch sprächen, aber eine Nachhilfelehrerin engagiert hätten, um das Klassenziel zu erreichen. Ich merke, wie wichtig den Eltern der Schulerfolg ihres Kindes ist und dass sie keine Mühen scheuen, ihm durch gute Bildung einen sorgenfreien Lebensweg zu ermöglichen.

Ich denke an meine zwei großartigen türkischstämmigen Referendarskollegen von der Seminarschule und hoffe auf viele weitere Schüler und Kollegen, die Beispiele gelungener Integration liefern.