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Corona-Krise:"Totales Bildungsdefizit"

Willkommensklasse in Potsdam-Schlaatz

Unterricht für Flüchtlingskinder in einer Willkommensklasse.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Flüchtlingskinder haben durch die Schulschließungen große Nachteile erlitten, stellen Lehrer und Experten jetzt fest.

Von Rixa Rieß

Alexandra Baha ist erleichtert, endlich sieht sie ihre Schüler wieder von Angesicht zu Angesicht. In wöchentlich wechselnden Kleingruppen und nur für drei Stunden am Tag, aber trotzdem: "Alle sind sehr positiv gestimmt", sagt die Lehrerin. Baha unterrichtet in der Gretel-Bergmann-Grundschule in Nürnberg eine von drei sogenannten Deutschklassen. Dort werden Kinder aus Flüchtlings- und Einwandererfamilien sprachlich und kulturell auf die deutsche Schule vorbereitet. Normalerweise jedenfalls. Doch die Corona-Krise brachte alles durcheinander.

Drei Monate lang konnte Baha keinen neuen Stoff durchnehmen, das muss jetzt aufgeholt werden. Bis zu den Sommerferien, die in Bayern am 27. Juli beginnen, sei das allerdings nicht zu schaffen, sagt sie. Etliche Kinder, besonders in Flüchtlingsunterkünften, waren per E-Mail nicht erreichbar, weil ihnen die nötige digitale Technik fehlt. Die Lehrkräfte hätten dann Material per Post geschickt oder persönlich vorbeigebracht, berichtet Baha. Viel Aufwand - mit begrenztem Erfolg, denn jedes einzelne Kind auf seinem eigenen Lernweg zu begleiten, sei auf diese Art schwer möglich.

Andrea Betz vom Wohlfahrtsverband Innere Mission München sieht brisante Nöte: "In den vergangenen 13 Wochen haben viele Schulkinder ein totales Bildungsdefizit erfahren. Manche Unterkünfte waren von der digitalen Lernwelt vollständig abgeschnitten." Von einem Tag auf den anderen sei allein im Raum München für rund 850 Flüchtlingskinder die Förderung weggefallen. Plötzlich fehlten Gruppenangebote; ehrenamtliche Helfer mussten fernbleiben; ratlose Eltern, die ihren Kinder beim Lernen nicht helfen konnten, wussten nicht, wohin sie sich wenden sollten.

Normalerweise sind die Schüler jeden Tag in einem Umfeld, in dem Deutsch gesprochen wird

Auch David Schiefer, Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin, hält die Lage für prekär. Die Corona-Krise habe Integrationsbarrieren wie durch ein Brennglas verstärkt. "Man kann sicher sein, dass sie Geflüchtete hart trifft - weil sie ja schon unter normalen Umständen vor großen Herausforderungen stehen".

Besonders deutlich wirkt sich die Zäsur auf Kinder aus. Denn der Schulbesuch vermittelt ihnen nicht nur Bildung, sondern auch eine Tagesstruktur und Lebenserfahrungen außerhalb der Unterkunft. Teil einer Schulgemeinschaft zu sein, bedeutet für sie, sich aktiv zu integrieren und integriert zu werden. Durch die Krise wurde diese Integrationsleistung schlagartig zu einer Privatangelegenheit, auf die viele Schulen kaum Einfluss und viele Eltern keine Antwort hatten.

Vor allem sprachlich haben die rigorosen Schulschließungen den Kindern zugesetzt. Normalerweise sind die Schülerinnen und Schüler einen ganzen Schultag lang in einem Umfeld, in dem nur Deutsch gesprochen wird. Bis zu einem Jahr lang bleiben sie in ihren Deutschklassen, bevor sie im regulären Lernbetrieb Schritt halten können. Durch den Unterrichtsausfall wurde dieser Prozess unterbrochen, und so manches Kind hat im letzten Vierteljahr nicht nur nichts Neues hinzugelernt, sondern auch manches verlernt, wie Alexandra Baha nun feststellt.

"Es kommt zwar immer auf die individuelle Entwicklung der Kinder an, aber einige werden später als erhofft in die Regelklassen kommen", befürchtet Baha. Die Lehrerin schätzt, dass an ihrer Schule maximal ein Drittel der Schülerinnen und Schüler länger in den Deutschklassen bleiben müssen als geplant. "Der Lernwille ist hoch", sagt Baha, aber die Umstände seien eben extrem. Speziell die Kinder, die das Konzept Schule gerade erst kennenlernen, müssten nun hohe Hürden nehmen. Auch ihnen sollte man mehr Zeit in den Deutschklassen gewähren, findet die Pädagogin. Zudem wünscht sie sich für ihre Schützlinge mehr psychologische Unterstützung: "nicht nur, aber insbesondere jetzt in der Krise". Ihre Schule, seit 2015 personell unterbesetzt, versuche, solchen Forderungen Gehör zu verschaffen.

Eine Forderung der Schulen wurde immerhin gehört: Sie müssen benachteiligte Schüler zumindest leihweise mit digitalen Endgeräten versorgen können. Das hat auch die Bundesregierung eingesehen und am Freitag 500 Millionen Euro dafür freigegeben. Noch ist unklar, wie schnell das Geld aus dem "Sofortprogramm" bei den Schulen ankommt. Klar ist nur: Die Gefahr zumindest regionaler Schulschließungen bleibt hoch.

© SZ vom 06.07.2020

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