Computer in der Grundschule Das Internet und die Hausaufgaben

Kinder können tatsächlich alles und überall lernen,- unabhängig von Sprache, Klasse, Klima, Geld oder Religion. Nicht nur für uns, die wir ständig umziehen mussten, war das eine sehr beruhigende Erkenntnis.

2005 - wir wohnten unterdessen in London, im feinen Hampstead Heath - bekam unsere Kleine, mittlerweile acht Jahre alt, zwei Stunden in der Woche regulären Unterricht in Computertechnologie. Ihr Lehrer, der dicke, besonders freundliche Mr. Westermann, wurde von den Schülern zum Dank "Päderast" genannt. Er brachte ihnen Excel bei und Windows und "copy & paste". Während er sprach, malten die Schüler in ihren Heften die Kästchen aus. "Ich erzähle es dir bei Westermann", flüsterten sich die Mädchen auf dem Schulhof zu, wenn es noch etwas Wichtiges zu berichten gab.

Was weder wir noch Mr. Westermann damals wussten: Unsere Achtjährige, neu in der Schule, arbeitete damals gewissenhaft auf dem alten Laptop ihres Vaters ihre Lebenssituation auf. Sie zeichnete, während sich vor ihrem Fenster die Füchse hinter den Wäscheleinen duckten, Selbstporträts am PC, erzählte sich Geschichten, malte die Filmplakate dazu und entwarf schicke Einladungen an Klassenkameradinnen. Die Einladungen wurden nie verschickt. Vielleicht, weil kein Drucker existierte? Weil es nur eine äußerst wacklige Internetverbindung gab? Weil dem Kind als Außenseiter der Mut fehlte? (Oder war es nur ein weiteres Indiz ihrer Computersucht, nämlich fehlende Sozialkompetenz?) Jedenfalls fanden die Feste nur in ihrem Kopf statt.

Damit unsere Töchter ihre Hausaufgaben aus dem Internet kopieren konnten, nagelten wir ein dickes Kabel bis in den ersten Stock in den Teppich. Noch immer hielt sich ihre Sucht in Grenzen. Dem Rat einer Freundin folgend ("Für Kinder nur das Billigste") bekamen sie ausschließlich unsere ausrangierten Computer, und die waren für Spiele oder Chats viel zu langsam. Außerdem ließ ich sie jeden Tag lange, analoge Runden im Park drehen, immer im Kreis; schon um in Ruhe meine Kreditkartenverbindung bei net-a-porter.com eingeben zu können.

Später, auf dem Gymnasium, unterrichtete Mrs. Davis die Kinder in ICT, also: Information Communication Technology. Mrs. Davis war nicht mehr jung, konnte nach allgemeiner Einschätzung mit schwierigen Aufgaben nicht mehr belastet werden und bewahrte ihre Bleistifte im BH auf. Den älteren Kindern diktierte sie lange Einführungen zu Dickens' "Tagebuch eines Nichtsnutzes", damit diese lernen, mit zehn Fingern zu tippen. Es war quälend langweilig, und die Mädchen machten immer so lange Unsinn, bis Mrs. Davis ausflippte und mit langgedehntem iiiiiiiiii schrie: "I am really pied off!"

Und auch in den anderen Fächern klang der Einsatz von Computern eher harmlos. Wie der Lateinunterricht, in dem der Lehrer sich für gewöhnlich darauf beschränkte, zu fragen, ob kürzlich jemand in Rom zu Besuch gewesen sei, um dann eine Powerpoint-Präsentation über "Aphrodite" zu präsentieren. Und die ihm fehlenden Vokabeln rasch im Internet zu googeln.