Baufällige Hochschulen:Unis mit Dachschaden

Im Norden tropft es durch die Decke, in vielen Hochschul-Gebäuden streiken die Lüftungen und in Marburg werden Studenten gar vor herabstürzenden Fassadenteilen gewarnt. Uni-Gebäude quer durch die Republik sind marode - die Sanierung kostet die Länder Milliarden.

Johann Osel

Es sind Termine, wie sie Politiker lieben. Als vor ein, zwei Jahren die Mittel aus dem Konjunkturpaket II ausgegeben wurden, luden Bildungsminister zu Baustellenrundfahrten. Einem Tross von Fotografen wurden die guten Nachrichten präsentiert: Dank des Programms rückten damals an vielen Hochschulen die Handwerker an, Wände wurden gedämmt, Dächer geflickt, Säle saniert. In Studentenwohnheimen mit verstopften Leitungen floss plötzlich wieder Wasser in den Duschen.

Von "Zukunftsinvestitionen" schwärmten die Minister. Von einem "Tropfen auf den heißen Stein" spricht Ulf Pallme König. Er ist Kanzler der Universität Düsseldorf, und war am Wochenende Gastgeber für 80 Uni-Verwaltungschefs aus ganz Deutschland. Sie treibt der Verfall des Bildungssystems um - im wörtlichen Sinne.

Die Rektorenkonferenz hat den Bedarf mal auf 30 Milliarden Euro geschätzt. Eine Übersicht zum bundesweiten Sanierungsstau wollen die Kanzler nun zusammentragen. Viele Gebäude sind seit der Bildungsexpansion in den Siebzigerjahren nicht mehr renoviert worden, von der Energiebilanz ganz zu schweigen. Das treibt wiederum die Heizkosten in die Höhe.

"Der erste Lebenszyklus vieler Gebäude ist zu Ende: Die Fassaden bröckeln, die technische Infrastruktur ist veraltet", sagt König. Teils stelle sich sogar die Frage, ob die alten Klötze noch sanierungsfähig sind - oder besser gleich die Abrissbirne kommen sollte. Allein in Düsseldorf benötige er 850 Millionen Euro, ohne Klinikum. Ein großes Problem ist auch die Belastung mit toxischem PCB in Gebäuden.

Heruntergekommen, baufällig, hässlich - wo man sich auch erkundigt, fast überall wird Alarm gerufen. In Kiel und Regensburg tropft es durch die Decke, in Marburg wurden Studenten vor herabstürzenden Fassadenteilen gewarnt, in Mannheim versinkt man vor Scham im Boden, weil Ehrengäste in der Aula ohne funktionierende Lüftung begrüßt werden. In Bochum schmunzeln Studenten darüber, wie die Uni beim Besuch der Gutachter der Exzellenzinitiative die Baufälligkeit übertünchen wollte: "Wo sonst die Deckenplatten fehlen und die Feuchtigkeit Risse im Beton hinterlässt, schrubbten Teams über den ganzen Campus verteilt die Wände."

Seit der Föderalismusreform 2006 herrscht das "Kooperationsverbot", die Länder sind fast allein für den Hochschulbau zuständig Noch bis 2013 gibt der Bund einen zweckgebundenen Zuschuss. Zwar legen manche Länder eigene Programme auf - doch die klammen Kassen können den Kanzlern zufolge nie den Bedarf decken. "Wir müssen jetzt handeln, sonst droht ein Rückschritt für das Land", sagt König. Vor allem müsse der Bund "wieder ins Boot geholt werden". Die Abschaffung des Kooperationsverbots für die Hochschulen, wie sie Bundesbildungsministerin Annette Schavan vorschlägt, war jüngst aber im Bundesrat gescheitert.

Weiteres Problem: Sanierungen bedeuten nicht Ausbau. Doppelte Abiturjahrgänge verlassen derzeit die Schulen, zudem geht der Trend generell zum Studium. Laut Prognose gibt es bis 2019 jährlich mehr als 450.000 Erstsemester. Zum Vergleich: 1995 waren es nur 260.000. In deutschen Hörsälen ist es heute so eng wie nie - und dazu noch unwirtlich oder gar gefährlich.

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