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Abiturnoten:"Ich glaube nicht, dass die Schüler hier schlauer sind"

Wieder Panne bei Mathe-Abitur

Ob sie gerade lieber in Erfurt wären? Schüler bei der Abiturprüfung an einem Gymnasium in Rostock.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Aber warum haben Abiturienten in Thüringen dann Jahr für Jahr deutlich bessere Noten als die Gymnasiasten aller anderen Länder? Heike Schimke vom Philologenverband über Facharbeiten, Prüfungen und vermeintliche Gerechtigkeit.

Thüringen, immer wieder Thüringen: In keinem anderen Bundesland fallen die Abiturprüfungen so gut aus. In diesem Jahr lag Thüringen mit einem Schnitt von 2,18 bundesweit vor allen anderen Ländern. Haben es die Schülerinnen und Schüler dort leichter? Heike Schimke ist Vorsitzende des Landesverbands der Philologen, in dem die Gymnasiallehrer organisiert sind. Im Interview erzählt sie, was die Systeme unterscheidet und warum sie ein Zentralabitur für den falschen Weg hält.

SZ: In Ihrem Bundesland hatten im vergangenen Jahr fast 38 Prozent der Abiturienten eine Eins vor dem Komma stehen. Deutlich mehr als beispielsweise beim Schlusslicht Schleswig-Holstein. Sind die Thüringer Schüler schlauer als der Rest der Republik?

Heike Schimke: Ich glaube nicht, dass es hier schlauere Schüler gibt. Es ist aber durchaus möglich, dass die Lehrkräfte anders sind als in Schleswig-Holstein. Wir dürfen nicht vergessen, dass gerade die Naturwissenschaften in der ehemaligen DDR eine sehr große Rolle gespielt haben. Das wirkt bis heute nach.

Dann müssten die Noten in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern genauso gut sein. Das spiegelt sich aber nicht in den Zahlen wider.

Da haben Sie recht. Es gibt auch noch andere Ursachen dafür, warum Thüringen beim Abitur so gut abschneidet. Uns unterscheidet zum Beispiel von vielen anderen Bundesländern, dass die Schüler in der zehnten Klasse auf dem Gymnasium eine besondere Leistungsfeststellung machen müssen.

Was heißt das?

Das ist im Prinzip eine ähnliche Hürde wie der Realschulabschluss. Eine schriftliche Prüfung in Mathe, eine in Deutsch, eine in Naturwissenschaft und dazu eine mündliche Prüfung in der ersten Fremdsprache. In Thüringen werden nur Schüler in die elfte Klasse versetzt, wenn sie diese Prüfungen bestehen. Das heißt: Die Schwächeren scheitern noch vor der Oberstufe und kommen gar nicht bis zum Abitur.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Gibt es diese Prüfung auch in anderen Ländern?

In dieser Form nicht. Man muss natürlich auch dazu sagen, dass das für unsere Lehrer mit zusätzlichem Aufwand verbunden ist. Von den Schülern hören wir aber tatsächlich immer wieder, dass diese Prüfungssituation ein Grund dafür ist, warum sie später beim Abitur besser abschneiden. Weil sie so etwas Ähnliches dann schon mal in der zehnten Klasse durchgemacht haben. Für manche kann es auch eine Art Weckruf sein. Die merken, dass sie bis zum Abitur noch einiges tun müssen.

In Thüringen wird relativ stark ausgesiebt. Viele der gescheiterten Schüler könnten womöglich in anderen Bundesländern trotzdem Abitur machen. Ist das gerecht?

Gerechtigkeit ist ein Begriff, den ich nicht gerne verwende. Das ist immer Definitionssache. Aber zurück zur Frage: Es gibt nicht nur einen Weg zum Studium. Man kann zum Beispiel auch mit einem guten Realschulabschluss auf einem berufsbildenden Gymnasium die Hochschulreife erwerben. Man kann heutzutage auch nach bestimmten Ausbildungen studieren.

Heike Schimke

Heike Schimke ist Vorsitzende des Philologenverbandes in Thüringen.

(Foto: privat)

Zurück zum Thüringer Schulsystem. Haben Sie noch andere Erklärungen dafür, warum das Abitur in Ihrem Bundesland so gut ausfällt?

Bei uns gibt es noch die Seminarfacharbeit, mit der man eine mündliche Abiturprüfung ersetzen kann. Drei bis fünf Schüler arbeiten an einem gemeinsam festgelegten Thema. Manche machen Umfragen, andere bauen etwas oder führen Laborversuche durch. Am Ende entsteht eine Arbeit, bei der jeder einen bewertbaren Teil erstellt hat. Das ist grundsätzlich eine tolle Sache.

Aber?

Die durchschnittliche Bewertung einer solchen Arbeit liegt bei zehn Punkten, also gut. Und wenn man sich jetzt vorstellt, dass sich ein Schüler sonst sehr schwer tut, gute oder befriedigende Ergebnisse zu erzielen, dann nimmt er dieses Angebot natürlich gerne an. Ich finde das nicht ganz unproblematisch, weil sein Schnitt dadurch am Ende natürlich besser wird.

Immer wieder wird darüber diskutiert, wie man das Abitur vergleichbarer machen kann. Was meinen Sie?

Zu glauben, dass eine Zentralprüfung am Ende auch in allen Bundesländern gleich bewertet wird, ist eine Illusion. Man darf nicht vergessen: Wenn ein Lehrer die Aufgabe bewertet, dann macht er das nach zentralen Bewertungsvorgaben. Aber es spielt natürlich auch eine extrem wichtige Rolle, wie ein Lehrer das Thema in seinem Unterricht bearbeitet hat. Auch danach vergibt er Punkte.

Gibt es keinen Weg, das Abitur vergleichbarer zu machen?

Das Wichtigste wäre, wenn sich die Länder wenigstens darauf einigen könnten, in welchen Fächern Abitur geschrieben werden muss. Es kann doch nicht sein, dass in manchen Bundesländern Mathe und Deutsch verpflichtend sind und in anderen nicht. Wir brauchen endlich ein einheitliches Grundgerüst an verbindlichen Fächern, die in der Oberstufe belegt werden müssen. In manchen Ländern muss man in fünf Fächern erhöhte Fachtiefe belegen, bei anderen in vier oder sechs. Ich finde es auch absurd, dass man nicht an jedem deutschen Gymnasium eine Prüfung im Fach Deutsch machen muss. Das verstehe ich nicht.

Seit 2017 können die Bundesländer sich aus einem gemeinsamen Pool aus Abituraufgaben in Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch bedienen. Bringt das was?

Sagen wir mal so: Ich glaube, der Pool hat zumindest dazu beigetragen, dass einige Bundesländer gemerkt haben, dass ihre Aufgabenstellungen aus der Reihe tanzen. Das sensibilisiert zumindest. Aber wirklich vergleichbarer ist es dadurch auch nicht geworden. Wie die einzelnen Bundesländer mit diesem Pool umgehen, ist am Ende immer noch mehr oder weniger ihre Entscheidung.

Im Koalitionsvertrag steht, dass ein Nationaler Bildungsrat eingesetzt werden soll, um Transparenz, Qualität und Vergleichbarkeit im Bildungswesen herzustellen. Der Plan ist im Prinzip schon gescheitert. Wie verfolgen Sie die Debatte?

Das ist ein Trauerspiel. Wenn Länder sich einfach rausziehen können, dann kommen wir nie voran.

Markus Söder stieg aus dem Projekt aus mit der Begründung, er fürchtet sich davor, dass am Ende alle ein Berliner Zentralabitur bekommen. Können Sie das verstehen?

Ich kann seine Sorge zumindest nachvollziehen. Ich glaube auch, dass eine Zentralprüfung nicht der richtige Weg ist. Es würde doch schon helfen, wenn man festlegt, in wie vielen Fächern geprüft werden muss und welche Fächer in der gymnasialen Oberstufe verbindlich belegt werden müssen. Davor müsste weder Thüringen noch Herr Söder Angst haben.

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