Unwetter in Deutschland Was Sie über Tornados wissen müssen

Abgedeckte Dächer und umhergewirbelte Autos: Diese Bilder kennt man vor allem aus den USA. Doch nun haben Tornados auch in Norddeutschland und Schwaben große Schäden angerichtet. Ist das Zufall? Und wie stark sind die Wirbelstürme hierzulande wirklich?

Von Lisa Böttinger

Umherfliegende Ziegelsteine, umgeworfene Autos und Menschen, die in Turnhallen unterkommen - solche Bilder kennt man eigentlich vor allem aus Amerika, wo Tornados vor allem im Mittleren Westen häufig wüten. In dieser Woche aber hat auch in der Region Augsburg ein Tornado etwa 150 Häuser teilweise schwer beschädigt, bei Sturmböen von bis zu 250 Kilometern pro Stunde wurden sieben Menschen verletzt. Klaus Metzger, Landrat im besonders betroffenen Kreis Aichach-Friedberg, rechnet mit Schäden von mindestens 40 Millionen Euro. In der vergangenen Woche verwüstete ein Tornado eine Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern.

Unwetter in Bayern

Tornado über Schwaben

Hier lesen Sie Fragen und Antworten zu den Stürmen in Deutschland.

Wie entsteht ein Tornado und was macht ihn so gefährlich?

In den allermeisten Fällen bilde sich ein Tornado aus einer sogenannten "Superzelle", erklärt Lars Kirchhübel, Diplom-Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD). Dabei handelt es sich um ein Gewitter, das entsteht, wenn Luftmassen mit unterschiedlichen Temperaturen aufeinanderprallen. So auch beim Tornado um Augsburg: Südlich eines Tiefdruckgebiets über Süddeutschland staute sich warme Luft aus dem Mittelmeerraum, während auf der Nordseite kühlere Luft von der Nordsee wehte.

Damit aus dem Gewitter eine Superzelle wird, müssen noch mindestens zwei weitere Bedingungen erfüllt sein. Weht der Wind am Boden aus einer anderen Richtung und in anderer Geschwindigkeit als in höheren Luftschichten, beginnt die Luft zu rotieren. Hängt die Wolkendecke dann etwa unter 1000 Meter, kann ein rasender Tornado entstehen. Besonders gefährlich sind die rotierenden Luftmassen im Tornado, weil sie auf engem Raum wüten: So war die Schneise beim Tornado um Augsburg nur etwa 100 Meter breit.

Häufen sich Tornados in Deutschland - und sind sie eine Folge des Klimawandels?

Tornados bilden sich heute nicht häufiger als früher, wir werden nur öfter auf sie aufmerksam, sagt DWD-Experte Kirchhübel. Zwischen 20 bis 60 Tornados - auch bekannt als: Windhosen - gibt es jährlich in Deutschland. Erst seit wenigen Jahren dokumentieren viele Betroffene das Phänomen mit Handyvideos und -fotos - und schärfen damit das Gedächtnis der Menschen für entsprechende Bilder.

Ein Trend zu mehr Tornados lässt sich daraus nicht ablesen. Auch ein eindeutiger Zusammenhang mit dem Klimawandel ist nicht belegbar. Denn es fehlen Messungen von Tornados über einen längeren Zeitraum, um eine Beziehung zur globalen Erwärmung herzustellen.

Lassen sich die Tornados in Deutschland mit denen in den USA vergleichen?

Ja. Meteorologen messen die Stärke von Tornados weltweit anhand der Fujita-Skala, die die Schäden nach Tornados in die Klassen F0 (leicht) bis F5 (sehr schwer) einteilt. Zwar gibt es in Deutschland keine Tornado Alley, wie in Amerika die Gegend um die Bundesstaaten Oklahoma, Kansas und Nebraska genannt werden. In ihren Windstärken und dem Ausmaß der Schäden kommen die Tornados aber an die amerikanischen Verhältnisse heran: Das Unwetter um Augsburg stufte der DWD auf F3 ein.

Unwetter Die Spur des Tornados Bilder
Unwetter in Bayern

Die Spur des Tornados

Nach dem Tornado in Schwaben sind zahlreiche Häuser unbewohnbar. Bewohner berichten, mit welcher Gewalt der Wirbelsturm wütete - und wie sie denen helfen, die durch ihn obdachlos geworden sind.   Von Stefan Mayr

Kann man einen Tornado frühzeitig erkennen und vor ihm warnen?

Es kommt viel häufiger vor, dass die Wetterbedingungen für ein starkes Gewitter gegeben sind, als tatsächlich ein Tornado entsteht. Die Wetterlage in Mecklenburg-Vorpommern ließ zwar eindeutig auf ein erhöhtes Tornado-Risiko schließen - deshalb warnte der Wetterdienst die Anwohner. In Süddeutschland waren die Bedingungen für einen Tornado aber nicht alle erfüllt. Übergangsjahreszeiten wie Frühling und Herbst bieten aber generell bessere Grundlagen für Tornados als die heißen Sommermonate, in denen Luftdruck und -temperatur seltener variieren. Ein klares Warnsignal ist allerdings, wenn aus einer Gewitterwolke schon ein dünner Wolkenschlauch hängt, der nur noch nicht den Boden erreicht hat.

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