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Unter Bayern:Sehnsucht nach verkohlten Würsten

Für Schüler ist jetzt die schönste Zeit. Denn in den zwei Wochen bis zu den Sommerferien zählen Wandertag, Schulfest, Freibad. Früher war das mal so - vor Corona

Kolumne von Nadeschda Scharfenberg

In einer fernen Zeit, als Schule noch in der Schule stattfand, als es Exen gab und Proben und Last-Minute-Referate, da brachen Mitte Juli immer die besten Wochen des Jahres an, gefolgt von den allerbesten Wochen. Die 14 Tage vor den Sommerferien, das waren die Komm-mal-runter-Wochen, kein Notendruck mehr und keine schweren Bücher im Ranzen, nach der sechsten Stunde ab ins Freibad, und dann der Wandertag (in einer noch ferneren Zeit mit echtem Wandern). Außerdem das Schulfest mit verkokelten Würsteln, rührend schiefen Musikdarbietungen und einer langen Schlange vor einem Gerät, das heutzutage Schokokussschleuder heißt.

Was war das für ein herrliches Gefühl, wenn sich der Alltag entschleunigte und das süße Nichtstun heraufdämmerte. Wenn sich die Strukturen und Organisationsmuster des Schüler- und des Elternlebens allmählich auflösten wie ein Haarzopf, aus dem man den Gummi gezogen hat. So glitt man sanft hinein in den letzten Schultag, es gab zum Zeugnis Steckerleis für alle und dazu diese Leichtigkeit, als höbe man gleich ab. Endlich Ferien!

In diesem Jahr aber sind die Strukturen schon viel zu lange in Auflösung begriffen, als dass man an Schwebezuständen noch Freude hätte. Mal ist das eine Kind in der Schule, mal das andere, Montag ist Hochkonzentrationstag, nicht dass man früh um sieben den Falschen weckt. Die "Präsenzwoche" ist ein besonderes Schmuckstück im Corona-Wortschatz, eher aber müsste sie Präsenzchenwoche heißen, kein Sport, kein Werken, kein Reli, kein Musik, alles auf Sparflamme. Währenddessen zieht sich das Zu-Hause-Kind wischiwaschi seine Arbeitsblätter rein. Videounterricht ist abgeschafft, die Lehrer sind ja im echten Klassenzimmer, nur halt mit der anderen Hälfte.

Noch zwei Wochen bis zu den Ferien, ohne Wandertag, ohne Schulfest, ohne Freibad. Die Ticketvorausbuchung passt nicht zum Teenie-Leben. Und wie das mit dem Zeugnis gemacht wird, ist auch die Frage. Wird es bei der Übergabe desinfiziert?

Das Heranchillen an die Ferien, es ist in diesem Jahr ein Hinübertaumeln vom einen Zu-Hause-Bleiben ins nächste. Man wünschte sich fast, es flöge einem, boff, ein Schokokuss ins Gesicht und überbrächte die Botschaft: das Nichtstun, es schmeckt auch in den Corona-Ferien süß.

© SZ vom 11.07.2020
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