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Tschechische Kraftwerk Temelin:130 Störfälle gleich hinter der Grenze

"Schon öfter überlegt, wegzuziehen": Das tschechische Kraftwerk Temelin gilt als unsicher. Im Bayerischen Wald fürchten die Menschen die Folgen eines Unfalls.

Martin Maier

"Wir haben schon öfter überlegt, wegzuziehen", sagt der Passauer Lehrer und Umweltschützer Gunther Willeitner. Er, seine Frau und seine drei Kinder im Alter von 13, 17 und 19 Jahren fürchten die möglichen Folgen eines Atomunfalls für die Stadt.Denn die Familie fühlt sich von Atomkraftwerken regelrecht umzingelt: Im Südwesten bei Landshut liegt Isar 1, im Osten, nur rund 100 Kilometer entfernt, das tschechische Atomkraftwerk Temelin.

A man rides his bicycle away from the the cooling towers of the Temelin nuclear power plant near Tyn nad Vltavou

"Wir hoffen, dass nun auch die Tschechen zur Vernunft kommen": Das Kraftwerk Temelin gilt als unsicher.

(Foto: Reuters)

Die Willeitners stehen mit ihrer Angst vor möglichen Störfällen nicht allein. Temelin besteht aus zwei Reaktorblöcken und ist mit einer Leistung von rund 2026 Megawatt das größte Kraftwerk in Tschechien. Rund 130 Störfälle sind bisher bekannt. Dennoch soll es weiter ausgebaut werden. Seit dem Bau von Temelin in den 1980er Jahren ist das Unbehagen der Passauer ständig gewachsen.

Denn die Betreiber von Temelin informierten die Bevölkerung nicht und sie verschleierten die Zahl und die Schwere der Störfälle, kritisiert der Passauer Bernd Scheibner, stellvertretender Sprecher der überparteilichen Plattform gegen Atomgefahr, die insbesondere von Temelin ausgehe. Es habe vermutlich noch eine ganze Reihe mehr an gefährlichen Ereignissen gegeben, sagt Scheibner und nennt das Verhalten der Temelin-Betreiber ein "Unding".

Die Plattform gegen Atomgefahr besteht seit dem Jahr 2000 und hat rund 2000 Mitglieder. Prominentester Unterstützer ist der niederbayerische Kabarettist Ottfried Fischer. Im Jahr 2001 überreichte die Plattform rund 77.000 Unterschriften von Gegnern des Kraftwerks an den damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der diese an die tschechische Regierung weitergab. Doch der Einfluss von Ausländern auf die tschechische Atompolitik sei begrenzt, klagt Scheibner.

Als Hohn bezeichnet der Passauer ÖDP-Landesgeschäftsführer Urban Mangold die sogenannten Euratom-Verträge aus dem Jahre 1957, die immer noch gelten und die EU zur Förderung der Atomenergie in den Mitgliedsstaaten verpflichten. "Steuergelder für eine Temelin-Erweiterung wären nach der Atom-Katastrophe in Japan der blanke Zynismus. Schlimmer kann man die Sorgen der ostbayerischen Bürger nicht missachten", sagt Mangold. "Wenn jetzt die CSU einsieht, dass Isar 1 abgeschaltet werden muss, kann die Bevölkerung Ostbayerns erst recht fordern, dass sich die CSU nicht länger von der FDP von einem Anti-Temelin-Kurs abhalten lässt."

Bereits im Jahr 2002 hatte Bayern gefordert, Temelin abzuschalten. Doch durchgedrungen sind die Bayern in Prag damit nicht. Passaus Landrat Franz Meyer (CSU) spricht sich mit Nachdruck dafür aus, Temelin stillzulegen: "Das Problem darf nicht verharmlost werden." Zumindest in diesem Punkt stimmt Gunther Willeitner dem Landrat zu. Ansonsten wirft er der CSU verfehlte Energiepolitik vor. Es sei alles getan worden, den "Irrsinn Atomkraft" zu fördern. Zumindest in Richtung Temelin hegt er nun leise Hoffnung. "Wir hoffen, dass nun auch die Tschechen zur Vernunft kommen", sagt Willeitner.

© SZ vom 16.03.2011/sonn
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