Traumatisierter Lokführer Ein Lokführer überfährt im Schnitt drei Menschen

Loska vertreibt sich die Zeit mit Spaziergängen und Radfahren. Er ist in psychotherapeutischer Behandlung. Er würde gerne wieder arbeiten. Nur was? Im Jobcenter macht man ihm wenig Hoffnung. Mit 45 Jahren und einer posttraumatischen Belastungsstörung ist die Chance gleich null, sagt sein Betreuer von der Agentur für Arbeit.

Suizidgefahr Sollen wir über Suizid sprechen?
Anti-Suizid-Kampagne

Sollen wir über Suizid sprechen?

Jedes Jahr nehmen sich über 10.000 Menschen in Deutschland das Leben. Gesprochen wird darüber kaum. Eine Kampagne des Vereins "Freunde fürs Leben" will das mit einer Petition ändern. Aber ist das nicht wegen Nachahmereffekten gefährlich?

Heute bereut Loska seine voreilige Kündigung bei der Bahn. Einen anderen Job hätte er damals bekommen können. Im Büro oder am Fahrkartenschalter. Auch einen Job als Schaffner hat man ihm angeboten, doch er wollte nicht. Er wollte nur schnell weg von dem Ort, der sein Leben von einer auf die andere Sekunde kaputt gemacht hat. "Da nimmt man dann auch Hartz IV in Kauf", sagt er. Loska hat sich seit dem Unglück viel mit dem Thema Suizid befasst. Er hat viele Bücher gelesen, war viel im Internet unterwegs und hat Zahlen gesammelt. Diese Zahlen lassen ihn seither nicht mehr los.

Er zieht wieder einen dieser Zettel aus dem dicken Leitzordner. Einen fein säuberlichen Computerausdruck. Auf dem steht zu lesen, dass sich jährlich etwa tausend Menschen vor einen Zug werfen, so wie 2009 der Torwart Robert Enke von Hannover 96. Männer tun es häufiger als Frauen, junge häufiger als ältere. Vorzugsweise montags oder dienstags. Über jedes kleine Detail führt die Deutsche Bahn AG genau Buch. Sie weiß auch, dass ein Lokführer in seinem Berufsleben im Schnitt drei Menschen überfährt. Bahnintern wird der Schienensuizid als Personenunfall (PU) geführt. Dazu zählen aber auch Unfälle, die eine andere Ursache haben, wie etwa verbotenes Betreten der Gleise.

Loska tippt sich bei diesen Zahlen an die Stirn. "Warum ausgerechnet auf der Schiene? Warum machen sie das nicht woanders? Mit Tabletten oder so." Loska findet keine Antwort auf all die vielen Fragen. Manchmal stehen auch Wissenschaftler vor einem Rätsel. Viele werten den Schienensuizid als erweiterten Suizid. Diese Menschen betrachten ihr Leben als zerstört und wollen in gewisser Weise weitere Leben zerstören - das Leben von Lokführern, Reisenden, Rettungskräften. All die Menschen, die diese schrecklichen Bilder ein Leben lang mit sich herumschleppen müssen.

Andere sehen in dem Tod auf der Schiene ein schnelles Ende. In vielen Fällen ist es auch eine Kurzschlussreaktion, die sich in Bruchteilen von Sekunden in den Köpfen dieser Selbstmörder in Gang setzt. Ein Selbstläufer, der nicht mehr zu stoppen ist. Auch in der Literatur hat der Tod auf der Schiene ein Kapitel. In Leo Tolstois Roman Anna Karenina etwa, findet die Titelfigur den Tod zwischen den Rädern eines vorbeifahrenden Zuges.

Bernd Loska mag das nur wenig trösten. Sein Leben ist seit diesem Dienstag im März 2012 ein anderes. Dass es einmal wieder so unbeschwert werden könnte, wie es einmal war, daran glaubt Bernd Loska nicht mehr.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.