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Thom Yorke in München:"Das einzige, dem ich folge, ist Instinkt"

Auf dem Album gleiten Sie von digitalem zu analogem Sound, ohne dass man es als Hörer merkt. "Faszinierend, aber wozu ist es gut?", fragte ein Reporter.

Elektronische Musik kann sehr aufregend sein, wenn sie laut ist. Aber ich halte sie für sehr einschränkend. Diese DJ-Kultur ist doch stumpf (er imitiert perfekt Disco-Effekte): Ach komm, wirklich, das ist alles? Menschen sind in der Lage, Fehler zu machen, Maschinen nicht. Fehler sind oft das Beste, was im kreativen Prozess entsteht. Wirklich aufregend wird es, wenn die beiden Welten aneinander reiben. Schwer zu erklären. Es gibt sie schon, diese innovative, intelligente Dance-Musik, etwa von Flying Lotus oder Burial. Aber ist es nicht seltsam, dass die nicht die große Pop-Revolution war, die sie hätte sein können, wo doch der Mainstream im Radio so ein Mist ist?

Ihr etwas sperriger Dance-Sound hat Anklänge an den brasilianischen Forro oder den Afro-Beat wie von Fela Kuti. Ist das der Einfluss der Schlagzeuger, Joey Waronker und Mauro Refosco?

Als wir nach Wegen suchten, meine Laptop-Beats nachzubauen, haben die beiden im Baumarkt Tontöpfe, Bohrmaschinen und eine seltsame Holzkiste gekauft; dann schleppten sie vom Schrottplatz irgendwelches Zeug auf die Bühne. Viele der Drum-Sounds stammen von Haushaltswaren, von Mauros brasilianischen Percussion-Instrumenten und einem alten Analog-Drumpad aus den Achtzigern.

Wie fühlt sich die Energie in Ihrer Zweit-Band an, verglichen mit Radiohead?

Dieses Ding fühlt sich einfach neu an. Mit Radiohead spiele ich, seit ich 16 war; ich bin jetzt 44. Auch da haben wir uns zuletzt für die "King of Limbs"-Tour einen zweiten Schlagzeuger geholt, der neue Energie reinbrachte. Wissen Sie, Familien haben Muster, die wiederholen sich immer. Wenn man eine Platte macht, ist die Hauptaufgabe, diese Muster zu zerschlagen.

Können Sie Ihre Entwicklung als Musiker in einem Satz zusammenfassen?

Puh, interessanter Gedanke. Weil die eine Hälfte von mir denkt, ich tue noch immer exakt das selbe wie mit 14 oder 15. Meine musikalischen Fähigkeiten sind nicht besser als damals. Das einzige, dem ich folge, ist Instinkt. Ich werde nicht von derselben Sache zwei Mal inspiriert.

Instinkt ist ein gutes Stichwort: Ich habe Sie 2000 in Nürnberg erlebt, wie Sie sich völlig gehen ließen. Sie warfen sich auf den Boden, krümmten sich und erzeugten mit irgendeinem Kästchen jaulende Rückkopplungen.

Oh, ja, das war super.

Am Ende hatten Sie 55.000 Zuhörer vergrault.

Yes! (er lacht herzlich und triumphierend).

Der Veranstalter war richtig wütend und sagte: Niemals wieder mit dieser Band.

Exzellent! Das ist cool. Da waren ein paar Konzerte in Deutschland zu der Zeit, einmal war das Publikum total stinkig und aggressiv. Aber wir haben das geliebt: Großartig, jetzt können wir machen, was wir wollen, weil ihr hasst uns sowieso. Manchmal ist Missgunst wie eine Erlösung, weil du dich um niemanden kümmern musst.

Sie hätten an Ihren Welt-Hit "Creep" anknüpfen und eine Stadionrockstar-Karriere à la Depeche Mode annehmen können.

Ehrlich: Ich konnte das nicht. Als das "Ok Computer"-Ding passierte, wollten alle genau das. Wir haben es auf dem Silbertablett serviert bekommen. Wir spielten diese Riesenkonzerte. Aber einen Song zu spielen, den man nicht spielen will, fühlt sich verdammt schrecklich an. Ich konnte das nicht wiederholen, denn ich war das nicht mehr; aber ich probierte es, weil es die anderen wollten. Als die sahen, wie ich zusammenklappte und kaputt ging, sagten sie auch: Nie wieder! Die jüngste Radiohead-Tour war die erste, wo wir wieder in Stadien spielten, aber wir hielten es intim. Es war nicht so: Tadadadahhh! Sondern eher so: Ach, du bist auch hier? Wir blieben auf unserem eigenen Planeten.

Atoms for Peace, Mittwoch, 10. Juli, 21 Uhr, Zenith

© SZ vom 08.07.2013/wolf
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