Süddeutsche Zeitung

Thom Yorke in München:"Musik machen, die sexy ist"

Radiohead, Red Hot Chili Peppers, REM: Bei Atoms For Peace versammeln sich Musiker aller drei Bands. Jetzt tritt die Gruppe in München auf. Frontmann Thom Yorke erklärt im SZ-Gespräch, was es mit der neuen Band auf sich hat. Und warum er es "cool" findet, wenn 55.000 Leute aus seinem Konzert flüchten.

Von Michael Zirnstein

Für viele ist Thom Yorkes Hauptband Radiohead eine Offenbarung, für andere eine Zumutung. Ihre raren Auftritte in Bayern sind jedenfalls unvergessliche Ereignisse: Ein Konzert in den Neunzigern in den alten Riemer Flughafenhallen endete abrupt, als einer der Musiker einfach umkippte. Beim Nürnberger "Rock im Park" im Jahr 2000 begannen die britischen Pop-Avantgardisten als Hauptattraktion vor 60.000 Zuhörern, am Ende feierten nur noch 5000 im Frankenstadion die großartigen Lärmattacken.

Analog dazu gilt Frontmann Yorke gleichermaßen als Genie wie als Diva. Seine angeblichen Launen sind gefürchtet (Ronan Keating soll Yorke an erster Stelle genannt haben, als man ihn nach einer Kilimandscharo-Besteigung fragte, welchen Kollegen er von einem Berg stoßen würde). Als er andererseits nach Musikern für sein Solo-Projekt suchte, folgten ihm sofort Flea (Bassist der Red Hot Chili Peppers), Joey Waronker (Schlagzeuger von REM und Beck), Nigel Godrich (Produzent von Radiohead und Paul McCartney) und Mauro Refosco (Percussionist von David Byrne). Mit dieser Allstar-Gruppe brachte er als Atoms For Peace das Album "Amok" heraus, das in den USA auf Charts-Platz 2 landete.

Im Video zu Ihrer Single "Ingenue" denkt man erst: Die haben einen Tänzer gefunden, der aussieht wie Thom Yorke! Kaum zu glauben: Sie sind es selbst.

Ich habe schon mal im Clip von "Lotusflower" für Radiohead getanzt, das hat Spaß gemacht. Diesmal war es viel schwieriger. Der Avantgarde-Choreograf Wayne Gregor vom Royal Ballet hat Fukiko Takase mitgebracht, seine beste Tänzerin. Ich musste aus dem Stand ihre Bewegungen abschauen und kopieren.

Hatten Sie als Jugendlicher Tanzstunden - Walzer, Rumba, Cha-Cha-Cha?

Niemals. Lustigerweise rief neulich jemand vom Fernsehen an, von "Strictly Come Dancing", das ist diese Tanzsendung, wirklich sehr beliebt in England, vor allem bei meiner Tochter. Die fragten, ob ich mitmachen will.

Ist das ein Wettbewerb für Prominente?

Für Promis in einer sehr lockeren Auslegung. Leute halt, die bekannt sein wollen. Ich habe abgelehnt.

Denken Sie beim Komponieren an Menschen, die sich zu Ihrer Musik bewegen?

Früher nicht so, jetzt schon. Im Moment genieße ich es, in meinem kleinen Studio daheim in Oxford herumzutanzen. Das ist ein gutes Zeichen: Wenn mich ein Stück zum Tanzen bringt, behalte ich es. Ich habe Atoms For Peace ja zusammengestellt, als ich die Electro-Beats meines ersten Solo-Albums "Eraser" in Echt auf der Bühne imitieren wollte. Ach, das war lustig, Flea zuzuschauen, der tanzt viel mehr als ich.

Atoms For Peace ist Ihre Tanzkapelle?

Ich wollte einfach Musik machen, die sexy ist. Übrigens haben wir uns schon damals mit Radiohead beim Album "Ok Computer" in das Zeug von Can vergraben - das Schlagzeug bei "Tago Mago" ist unglaublich, man kann ziemlich wild tanzen zu diesem alten, deutschen Krautrock.

Ihr "Ingenue" klingt wie eine Tropfsteinhöhle, die Sie gezwungen haben, zu ihren Beats zu tröpfeln.

Stimmt. Das war ein Unfall, als wir uns betrunken haben. Da kam der Sound heraus, wir zeichneten das mit dem Handy auf.

"Das einzige, dem ich folge, ist Instinkt"

Auf dem Album gleiten Sie von digitalem zu analogem Sound, ohne dass man es als Hörer merkt. "Faszinierend, aber wozu ist es gut?", fragte ein Reporter.

Elektronische Musik kann sehr aufregend sein, wenn sie laut ist. Aber ich halte sie für sehr einschränkend. Diese DJ-Kultur ist doch stumpf (er imitiert perfekt Disco-Effekte): Ach komm, wirklich, das ist alles? Menschen sind in der Lage, Fehler zu machen, Maschinen nicht. Fehler sind oft das Beste, was im kreativen Prozess entsteht. Wirklich aufregend wird es, wenn die beiden Welten aneinander reiben. Schwer zu erklären. Es gibt sie schon, diese innovative, intelligente Dance-Musik, etwa von Flying Lotus oder Burial. Aber ist es nicht seltsam, dass die nicht die große Pop-Revolution war, die sie hätte sein können, wo doch der Mainstream im Radio so ein Mist ist?

Ihr etwas sperriger Dance-Sound hat Anklänge an den brasilianischen Forro oder den Afro-Beat wie von Fela Kuti. Ist das der Einfluss der Schlagzeuger, Joey Waronker und Mauro Refosco?

Als wir nach Wegen suchten, meine Laptop-Beats nachzubauen, haben die beiden im Baumarkt Tontöpfe, Bohrmaschinen und eine seltsame Holzkiste gekauft; dann schleppten sie vom Schrottplatz irgendwelches Zeug auf die Bühne. Viele der Drum-Sounds stammen von Haushaltswaren, von Mauros brasilianischen Percussion-Instrumenten und einem alten Analog-Drumpad aus den Achtzigern.

Wie fühlt sich die Energie in Ihrer Zweit-Band an, verglichen mit Radiohead?

Dieses Ding fühlt sich einfach neu an. Mit Radiohead spiele ich, seit ich 16 war; ich bin jetzt 44. Auch da haben wir uns zuletzt für die "King of Limbs"-Tour einen zweiten Schlagzeuger geholt, der neue Energie reinbrachte. Wissen Sie, Familien haben Muster, die wiederholen sich immer. Wenn man eine Platte macht, ist die Hauptaufgabe, diese Muster zu zerschlagen.

Können Sie Ihre Entwicklung als Musiker in einem Satz zusammenfassen?

Puh, interessanter Gedanke. Weil die eine Hälfte von mir denkt, ich tue noch immer exakt das selbe wie mit 14 oder 15. Meine musikalischen Fähigkeiten sind nicht besser als damals. Das einzige, dem ich folge, ist Instinkt. Ich werde nicht von derselben Sache zwei Mal inspiriert.

Instinkt ist ein gutes Stichwort: Ich habe Sie 2000 in Nürnberg erlebt, wie Sie sich völlig gehen ließen. Sie warfen sich auf den Boden, krümmten sich und erzeugten mit irgendeinem Kästchen jaulende Rückkopplungen.

Oh, ja, das war super.

Am Ende hatten Sie 55.000 Zuhörer vergrault.

Yes! (er lacht herzlich und triumphierend).

Der Veranstalter war richtig wütend und sagte: Niemals wieder mit dieser Band.

Exzellent! Das ist cool. Da waren ein paar Konzerte in Deutschland zu der Zeit, einmal war das Publikum total stinkig und aggressiv. Aber wir haben das geliebt: Großartig, jetzt können wir machen, was wir wollen, weil ihr hasst uns sowieso. Manchmal ist Missgunst wie eine Erlösung, weil du dich um niemanden kümmern musst.

Sie hätten an Ihren Welt-Hit "Creep" anknüpfen und eine Stadionrockstar-Karriere à la Depeche Mode annehmen können.

Ehrlich: Ich konnte das nicht. Als das "Ok Computer"-Ding passierte, wollten alle genau das. Wir haben es auf dem Silbertablett serviert bekommen. Wir spielten diese Riesenkonzerte. Aber einen Song zu spielen, den man nicht spielen will, fühlt sich verdammt schrecklich an. Ich konnte das nicht wiederholen, denn ich war das nicht mehr; aber ich probierte es, weil es die anderen wollten. Als die sahen, wie ich zusammenklappte und kaputt ging, sagten sie auch: Nie wieder! Die jüngste Radiohead-Tour war die erste, wo wir wieder in Stadien spielten, aber wir hielten es intim. Es war nicht so: Tadadadahhh! Sondern eher so: Ach, du bist auch hier? Wir blieben auf unserem eigenen Planeten.

Atoms for Peace, Mittwoch, 10. Juli, 21 Uhr, Zenith

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Quelle:
SZ vom 08.07.2013/wolf
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