Seehofer in Tschechien Freunde, die voneinander nicht wussten

Der Besuch von Bayerns Ministerpräsident Seehofer in Tschechien bricht die Eiszeit zwischen München und Prag.

Von Klaus Brill

Man kann es einen herzlichen Empfang nennen, auch wenn es an diesem Morgen im Hof des tschechischen Regierungsamtes feucht und kalt ist, auf dem Gras liegt Schnee. Petr Necas jedenfalls, sonst ein eher steif wirkender Mensch, eilt geradezu beschwingt den roten Teppich entlang, kaum dass er die sechs schwarzen Limousinen erblickt hat. Offenbar will er unbedingt zur Stelle sein, wenn dort am Ende des Teppichs Horst Seehofer aus dem Auto steigt, um zu demonstrieren, dass dies ein willkommener Gast ist. Die beiden schütteln einander kraftvoll die Hände, dann gehen sie mit freundlichen Mienen zurück ins Haus, ein opulentes neobarockes Palais am Moldau-Ufer, in dem der tschechische Ministerpräsident seinen Amtssitz hat. Ein historischer Staatsbesuch beginnt.

Die historische Bedeutung des Treffens machten Horst Seehofer und Petr Necas mit mehrfachem Handschlag deutlich.

(Foto: dpa)

Es gibt im Verlauf dieses Tages noch andere Momente, die zeigen, dass hier tatsächlich "ein neues Kapitel" der beiderseitigen Beziehungen aufgeschlagen wird, wie Seehofer sagt. Man liest es aus der langen Liste gemeinsamer Vorhaben, die das Kommuniqué enthält. Man spürt es am herzlichen Umgang, der schon am Sonntag beim Essen im Außenministerium die Atmosphäre bestimmt und der einen tschechischen Teilnehmer zu der Bemerkung hinreißt: "Dass wir so gute Freunde sind, habe ich bis heute gar nicht gewusst."

Vor allem aber ist es die Abwesenheit aller scharfen Töne, die den Unterschied ausmacht. Man kannte diese Töne aus Edmund Stoibers Zeiten, in denen ein Besuch in Prag nie zustande kam. Stoiber redete von Tschechien selten, ohne auch den früheren Präsidenten Edvard Benes zu erwähnen und zu fordern, dass dessen Dekrete über die Enteignung und Vertreibung der drei Millionen Sudetendeutschen zurückgenommen werden.

Seehofer hingegen lässt den Namen Benes unerwähnt, als er im Außenministerium seine Tischrede hält. Er spricht sehr wohl die Vertreibung an, durch die "den Sudetendeutschen viel Leid und Unrecht zugefügt" worden sei. Zuvor aber verurteilt er nachdrücklich die Schreckensherrschaft der Nazis und äußert Bedauern für das Leid und Unrecht, das die Tschechen durch Deutsche erlitten hätten. Eine Ansprache, die die Tschechen befriedigt, und so entwickelt sich bei Rinderbrühe mit Leberknödeln, gefüllten Kalbsnieren und Pflaumenmus-Tascherln eine angenehme Stimmung. Gastgeber Karel Schwarzenberg beflügelt sie, indem er launig erzählt, wie der Knödel in Franken erfunden wurde und über Böhmen nach Bayern kam.

Auch Bernd Posselt, der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, ist unter den Gästen. Er gehört zu Seehofers Delegation, aber wie die übrigen Delegationsmitglieder nimmt er an der Begegnung mit Ministerpräsident Necas nicht teil. Auch dort wird der Name Benes nicht erwähnt. Wie Necas betont auch Seehofer, man sei sich der unterschiedlichen Auffassungen zu bestimmten Fragen bewusst, aber man blicke nach vorn in die Zukunft.

In diesen Formulierungen artikuliert sich unmissverständlich die Abkehr der bayerischen Staatsregierung von der Stoiber-Position und ihr Einschwenken auf jene deutsch-tschechische Erklärung, die 1997 gegen den Widerstand der Sudetendeutschen Landsmannschaft der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl unterzeichnet hatte. "Wir dürfen nicht Gefangene der Vergangenheit bleiben", sagte Kohl damals. Und die entscheidende Passage des Papiers lautet, beide Seiten wollten "ihre Beziehungen nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen belasten". Diese Linie wird jetzt auch von Bayern verfolgt.

Es ist unüberhörbar, dass Seehofer fest entschlossen ist, diesen wichtigen Besuch nicht durch den leisesten diplomatischen Patzer zu verderben. Deshalb ist er auch am Nachmittag bei einer Pressekonferenz in der deutschen Botschaft nicht dazu zu bewegen, die alte Formel von den Benes-Dekreten in den Mund zu nehmen. Er habe offen und vertrauensvoll mit Necas "über solche Dinge" gesprochen, sagt er. Aber seine Formulierungen möchte er im Interesse des eingeleiteten Annäherungsprozesses "so belassen, wie ich es Ihnen gesagt habe".

Bernd Posselt, der Vertreter der Sudetendeutschen, ist zur Stelle, um zu zeigen, dass er nicht von allem ausgeschlossen ist. Ostentativ lächelnd zeigt er sich an der Seite Seehofers, während eine Fremdenführerin der Delegation den Veitsdom erklärt. Nicht zu übersehen ist er auch am Mittag bei einem Treffen mit deutschen Unternehmern, die in Tschechien tätig sind. An der Begegnung nimmt auch wieder Petr Necas teil. Unbefangen geht er auf Posselt zu und begrüßt ihn - für den danebenstehenden Horst Seehofer "eine schöne Minute", wie er später sagt.

Er sei mit dem Besuch "sehr zufrieden", ja geradezu glücklich darüber, sagt Posselt. Vor allem über die "unglaubliche Herzlichkeit", mit der er vom tschechischen Außenminister und von Ministerpräsident Necas empfangen worden sei. Auch Horst Seehofer sagt am Ende: "Ich bin sehr zufrieden."