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Schlägereien nach Alkoholexzessen:Bayern ist brutal

Auf Volks- und Dorffesten in Bayern geht es immer brutaler zu: Schlägereien, Tötungsversuche und sogar Morde werfen einen großen Schatten auf diese Veranstaltungen.

Gemütlichkeit, das war einmal. Auf Volks- und Dorffesten in Bayern geht es immer brutaler zu: Schlägereien, Tötungsversuche und sogar Morde werfen einen großen Schatten auf diese Veranstaltungen. Eine der Hauptursachen dafür ist offenbar exzessiver Alkoholkonsum.

Erst in den vergangenen Tagen kam es wieder zu schrecklichen Szenen. Auf dem Volksfest in Ergoldsbach (Kreis Landshut) stach ein 22-Jähriger mitten im voll besetzten Festzelt einen 27-jährigen Mann nieder, mit dem er kurz vorher in Streit geraten war. Das Opfer starb noch im Zelt.

In einem Bierzelt der "Nördlinger Mess" kam es vor zwei Wochen zu einer Massenkeilerei mit mehr als 20 Beteiligten. Dabei wurde mit einem Messer auf einen 20-Jährigen eingestochen, dem nur eine Notoperation in letzter Sekunde das Leben rettete. Auch auf dem Dorffest in St. Wolfgang (Kreis Erding) kam es trotz starker Polizeipräsenz zu Ausschreitungen - und einem Mordversuch.

Ein 18-jähriger Schüler stach einem Gleichaltrigen mit einer abgebrochenen Flasche in den Hals. Außerdem gab es wie im Vorjahr, als gar ein Polizist durch einen Angriff schwer verletzt wurde, üble Schlägereien und zahlreiche volltrunkene Jugendliche. Die Gemeinde überlegt nun, das beliebte Fest mit seinen fünf Bierzelten künftig komplett abzusagen.

Eine Statistik des bayerischen Innenministeriums bestätigt die Zunahme gefährlicher Zwischenfälle. Gewaltdelikte unter Alkoholeinfluss bei Jugendlichen (14 bis 18 Jahre) hätten in den vergangenen zehn Jahren um 15 Prozent auf 25,8 Prozent zugenommen. Bei Heranwachsenden (18 bis 21 Jahre) sind die Zahlen noch alarmierender.

Die Gewaltdelikte unter Alkohol stiegen auf 51,2 Prozent. "Das macht uns Sorgen", sagt Sprecher Michael Ziegler. Ursache sei, dass viel zu junge Leute viel zu leicht an Alkohol kämen. Die Gemeinden hätten es aber in der Hand, durch entsprechende Regelungen Auswüchse auf Volksfesten zu vermeiden. Veranstalter von Frühjahrs- und Herbstfesten im Oberland engagieren inzwischen Sicherheitsdienste.

"Krug als Wurfgeschoss"

Gerade unmotivierte Gewalttaten würden zunehmen, sagt Wolfram S., Türsteher auf einem großen Volksfest. "Die Leute schlagen plötzlich zu, ohne vorher auch nur ein Wort zu sagen." Man erkenne sie auch nicht als Schläger.

Das könne ein 50-Jähriger im Designer-Anzug ebenso sein wie der Dauerzecher. "Irgendwann sieht man in den Augen, dass die auf 180 sind." Gut ausgebildetem Personal gelinge es meist sehr schnell, eine brenzlige Situation zu entschärfen. Deshalb hat die IHK die Anforderungen an das Sicherheitspersonal erhöht.

Einen drastischen Anstieg gefährlicher Körperverletzungen registrierte die Erlanger Polizei bei der vergangenen Bergkirchweih. Im Vergleich zum Vorjahr nahmen Schlägereien mit Waffeneinsatz um mehr als 40 Prozent zu. "Die beliebteste Waffe ist der Bierkrug als Wurfgeschoss oder Schlaggegenstand", sagt Polizeioberrat Uwe Jornitz. Insgesamt sei eine deutlich "aggressivere Stimmung" zu verzeichnen gewesen. Hauptgrund sei auch hier die stark steigende Zahl betrunkener Jugendlicher.

Am Eröffnungstag wurde ein 17 Jahre altes Mädchen aufgegriffen, das vor Antritt ihres Bergbesuchs 1,68 Promille im Blut hatte - und eine halbvolle Flasche Martini in der Hand hielt. Ein 15-Jähriger wurde mit 1,84 Promille festgehalten. Beim Dorffest in St.Wolfgang soll das Promotionsteam einer Spirituosenfirma in rauen Mengen kostenlosen Schnaps an Jugendliche verteilt haben.

Beim Würzburger Kiliani-Volksfest durfte eine Gruppe größtenteils Minderjähriger das Gelände gar nicht mehr betreten. Sie hatten zuvor Polizisten angegriffen. Eine ruhige Kiliani erwartet Inspektionsvize Johann Ott auch in diesem Jahr nicht: "Wir beobachten, dass vor allem die Tankstellen im Umkreis des Festgeländes zu Tankstellen ganz anderer Art umfunktioniert werden." Immer häufiger würden dort Jugendliche vor ihrem Volksfestbesuch "vorglühen".

Wie BRK-Rettungssanitäter Andreas Frommelt berichtet, sind auch Rettungskräfte nicht mehr sicher. Vor dem Festzelt in Markt Wald im Unterallgäu schlug vor gut 14 Tagen ein Randalierer so brutal um sich, dass sich Frommelt und zwei seiner Kollegen im Rettungsfahrzeug einschlossen.

"Ich gehe da freiwillig hin und tue meinen Dienst. Da möchte ich am nächsten Morgen auch heimkommen - und zwar lebend", sagt er. Gefährliche Situationen häuften sich. Kürzlich sei er von einem betrunkenen Jugendlichen, den er geweckt hatte, um ihn vor Unterkühlungen zu bewahren, bedroht worden mit Worten wie: "Ich hau dir jetzt die Schnauze voll."