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Prozess um Sorgerecht:Wider das Kindswohl

Rechtlich wähnte sich Birgit R. auf der sicheren Seite. Der Umgangspfleger, ein durch und durch korrekter pensionierter Bundeswehroffizier, hatte sich bereits Rat beim Familienrichter geholt. Demnach habe der Vater kein Recht, von Birgit R. eine Verzichtserklärung zu fordern. Am schlechtesten sei es, Anton das Sportfest vorzuenthalten. Die Idee, der Vater könne seinen Sohn zum Sportfest begleiten, hielt der Deggendorfer Amtsrichter hingegen für gut umsetzbar. Schließlich sei der Sportplatz groß genug, damit die Eltern sich aus dem Weg gehen könnten.

Die "kindeswohlfreundlichste Lösung" indes sah der Richter in einem Tausch der Wochenenden. Welche Folgen das haben kann, darauf hatte der Umgangspfleger die Mutter in einer Auflistung verschiedener Szenarien vorsorglich hingewiesen: Dann könne es sein, dass der Vater einen Ordnungsgeldantrag stelle, dem das Gericht womöglich stattgebe. Für Birgit R. schwer vorstellbar. Hatte der Richter einen Tausch der Wochenenden laut Umgangspfleger nicht selbst als beste Lösung für das Kind bezeichnet?

Auf den formalen Standpunkt zurückgezogen

Die Mutter ging mit dem Sohn also zum Sportfest, kurz darauf kam vom Vater ein Ordnungsgeldantrag - den derselbe Richter tatsächlich befürwortete: Gegen Birgit R. wurden 500 Euro Ordnungsgeld oder wahlweise ein Tag Ordnungshaft verhängt, hinzu kommen die Verfahrenskosten. Der Richter habe sich offenbar auf den formalen Standpunkt zurückgezogen, sagt ein Jurist, auch wenn die Entscheidung menschlich eigenartig erscheine.

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So nicht, dachte sich Birgit R., und legte Beschwerde beim Oberlandesgericht München ein. Dort bestätigte man die Deggendorfer Entscheidung. Solange beide Elternteile nicht in der Lage seien, den Umgang des Kindes vernünftig miteinander zu abzusprechen, hätten sie sich an vereinbarten Regelungen zu halten. Weder Mutter noch Vater sei es gestattet, diese nach eigenem Dafürhalten abzuändern. Eine Stellungnahme des Umgangpflegers fand keine Berücksichtigung mehr, der Beschluss des OLG war bereits gefällt.

Birgit R. zeigt sich fassungslos. Sie wirft ihrem geschiedenen Mann vor, ihren Sohn zu instrumentalisieren. Noch enttäuschter ist sie aber von den Gerichten, die einem Vater Unterstützung gewährten, dem Kinderwünsche offenbar egal seien. Auf etwa 1000 Euro belaufen sich Ordnungsgeld und Verfahrenskosten - ein Betrag, den sich die Bürokauffrau während der Elternzeit schwer leisten kann. Doch auch um ein Signal zu setzen, werde sie nun einen Tag ins Gefängnis gehen, sagt R.: "Meine Kinder werden an diesem Tag ohne Mama sein, weil ich dem Rat unseres Richters gefolgt bin und zum Wohle meines Sohns entschieden habe."