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Polizeigewalt in Aschaffenburg:Durchsucht wie ein Schwerverbrecher

Die Polizeibeamten fragen, ob sie bereit wäre, eine Blutprobe entnehmen zu lassen, sie mache einen betrunkenen Eindruck. Martina F. lehnt ab. "Ich hatte zum Abendessen zwei kleine Gläser Weißwein, ich war nicht betrunken." Also versuchen die Polizisten einen richterlichen Beschluss zu erwirken und rufen den Bereitschaftsdienst an.

Die Haare zerzaust, die Hose kaputt, das Oberteil und der Mantel zerrissen. Die Hände immer noch in Handschellen. So wartet Martina F. auf die Entscheidung des Richters. "Ich habe gefragt, ob ich einen Anwalt anrufen könnte, man hat es mir nicht erlaubt."

Um 22 Uhr fällt der zuständige Richter seine Entscheidung, er lehnt die Blutprobe ab. "Polizeihauptmeister W, hat mir dann die Handschellen aufgeschlossen und uns noch einen schönen Tag gewünscht."

Die behandelnde Ärztin notiert am nächsten Tag: "Psychisch schwerst traumatisierte und in Tränen aufgelöste Patientin, breite gerötete Streifen an beiden Handgelenken und unterhalb der Ellenbogen, massive Schwellungen an der Halswirbelsäule." Martina F. verbringt die nächsten drei Wochen im Krankenhaus.

Polizeihauptmeister W. hingegen steht schon wenige Tage später vor Hunderten Schulkindern und erklärt, wieso er gerne Polizist sei: Es sei ein absolut spannender Beruf. Jeder Tag bringe etwas Neues.

Die zuständige Würzburger Polizeipräsidentin Liliane Matthes stellt sich schützend vor ihre Beamten. In den Aussagen von Frau F. habe sie nach mehrmaliger Durchsicht der Akten eindeutige Widersprüche entdeckt, schreibt sie dem Ehepaar F. in einem zweiseitigen Brief. Welche Ungereimtheiten sie meint, lässt sie offen. Auch die Ermittlungen der Aschaffenburger Staatsanwaltschaft sind recht bald beendet, die beiden Polizisten sagen aus, sie seien von einer schwer alkoholisierten Frau angegriffen worden. Martina F. hofft nun, den Fall wenigstens in einem zivilrechtlichen Verfahren noch einmal aufrollen zu können.

Unterstützung erhält das Ehepaar F. von der Grünen-Landtagsabgeordneten Susanna Tausendfreund. Die Juristin und innenpolitische Sprecherin der Fraktion hat den Fall eingehend geprüft und hält die Aussagen von Martina und Günter F. für so glaubwürdig, dass ihre Fraktion den Vorfall nun im Innenausschuss des Landtags thematisieren will.

© SZ vom 03.12.2011/bica

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