Lehre und Leben Eine Kirche, zwei Moralvorstellungen

Egal, ob eine evangelische Erzieherin am Wochenende Pornos dreht oder eine katholische Hortleiterin ihre Freundin heiraten will: Die christlichen Kirchen verstehen da keinen Spaß - und zeigen damit eine gewisse Hinterfotzigkeit.

Kommentar von Sebastian Beck

Die katholische Kirche pflegt eine sehr spezielle Form von Toleranz. Wer in seiner Jugend in den Genuss einer umfassenden religiösen Erziehung gekommen ist, der kennt das elfte Gebot. Es lautet: Im Prinzip ist vieles verboten, aber alles erlaubt, solange man sich nicht erwischen lässt. Die Folge davon ist die Aufspaltung in eine offizielle A-Moral und eine inoffizielle B-Moral, was sich bei einigen Würdenträgern zu einer gewissen Hinterfotzigkeit auswachsen kann.

Deshalb dürfen Pfarrer auch Freundinnen und Kinder haben, solange sie und der Bischof so tun, als ob nichts sei. Und deshalb durfte eine lesbische Erzieherin einen Hort der Caritas in Holzkirchen leiten - solange sie sich nicht offen zu ihrer Lebensgefährtin bekannte. Demnächst wollen die beiden heiraten. Damit gilt wieder das A-Modell der Sittenlehre, weshalb die Hortleiterin entlassen wurde. Beruflich ließ die Frau sich nichts zuschulden kommen, sie war eine geschätzte Fachkraft.

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Eine lesbische Hortleiterin bekennt sich zu ihrer großen Liebe und heiratet ihre Freundin. Ihr kirchlicher Arbeitgeber Caritas will das nicht hinnehmen, das Dienstverhältnis wird "in gegenseitigem Einvernehmen" beendet.   Von Heiner Effern

In Deutschland kann man als bekennender Homosexueller zwar Außenminister werden, aber in einem zum großen Teil staatlich finanzierten Hort fliegt man dafür raus. Das widerspricht einerseits auf bizarre Weise allen politischen Bestrebungen, die Diskriminierung homosexueller Menschen zu beenden. Andererseits dokumentiert der Fall einmal mehr, wie sich die Kirche mit dem Gegensatz zwischen Lehre und Leben abmüht.

Mrs. Pink zieht vors Bundesarbeitsgericht

Die Protestanten haben damit auch ihre Probleme: Sie entließen eine Erzieherin der Diakonie in Neuendettelsau, weil sie als "Julia Pink" in ihrer Freizeit Pornos drehte. Auch dieser Frau, die Behinderte betreute, war beruflich nichts vorzuwerfen. "In der Woche zwier, schadet weder ihm noch ihr", empfahl zwar Martin Luther. Was Pornos betrifft, hat der Reformator aber nichts Wegweisendes hinterlassen.

Andererseits: Würde etwa ein Siemens-Ingenieur am Wochenende Pornos drehen und ins Netz stellen, bekäme er auch Stress mit dem Chef, wenngleich sich dieser weniger auf Gott als auf einen Imageschaden fürs Unternehmen berufen würde. Mrs. Pink zieht jetzt vors Bundesarbeitsgericht. Die Hortleiterin in Holzkirchen hat die Entlassung zwar akzeptiert, den Schaden aber hat einmal mehr die katholische Kirche.

Landesarbeitsgericht München Erzieherin darf keine Pornos drehen
Gerichtsprozess

Erzieherin darf keine Pornos drehen

Die Diakonie hat einer Erzieherin, die in ihrer Freizeit Pornos drehte, zurecht gekündigt. Das hat das Landesarbeitsgericht München in einem Urteil verkündet. Der Richter sprach von einer "schwerwiegenden sittlichen Verfehlung".