Pandemie:Ein Leben mit Corona

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Am Flur der Corona Station (Normalstation nicht Intensiv) in der München Klinik Schwabing, Schwabinger Krankenhaus

In den bayerischen Krankenhäusern liegen Covid-19-Patienten nicht nur in Intensivbetten. Auch auf den Corona-Isolierstationen muss das Personal extrem vorsichtig sein, um sich vor Ansteckung zu schützen.

(Foto: Florian Peljak)

Was als Meldung aus einer fernen chinesischen Provinz beginnt, entwickelt sich für viele Menschen zu einer ganz persönlichen Geschichte. Wie bei Birgit Birner, die an Covid-19 erkrankt und bis heute mit den schweren gesundheitlichen Folgen zu kämpfen hat

Von Dietrich Mittler

Am Anfang des Jahres waren es für die meisten Menschen in Bayern nur ein paar Rundfunknachrichten und Zeitungsartikel, die vom Ausbruch einer neuen Krankheit in China berichteten. Nichts, was sie persönlich betraf. Manche schauten nach, wo überhaupt diese Metropolregion Wuhan liegt, in der das ominöse Coronavirus wütete. "Als es in China losging, war das für mich noch ganz weit weg", sagt Birgit Birner. Nun, da sich 2020 dem Ende zuneigt, ist Corona für die 46-jährige Oberpfälzerin alles andere als ein abstrakter Begriff: Anfang April in der Karwoche befiel sie selbst Covid-19. "Angefangen hat es mit einem Geschmacksverlust, ich habe beim Kochen einfach nichts mehr geschmeckt", sagt sie.

Dabei blieb es nicht: 39 Grad Fieber, Husten, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen - und am Ende gar eine Lungenentzündung mit "unheimlichen Rückenschmerzen". Für Birgit Birner war damit das Thema Corona nicht beendet. Sie leidet nun an Spätfolgen, einer dauerhaften Verengung der Atemwege. Vor Corona haben Ärzte solche Symptome hauptsächlich bei Rauchern beobachtet und sodann eine chronische obstruktive Lungenerkrankung diagnostiziert. "Ich habe nie einen Glimmstängel in der Hand gehabt", sagt sie.

Überhaupt sei es ihr "großes Plus" gewesen, dass sie keine Vorerkrankungen hatte. Dennoch, wegen ihrer Kurzatmigkeit kann sie nicht mehr lange sprechen. Dank eines "sehr großzügigen Arbeitgebers" wurde sie von ihren bisherigen Aufgaben, der Kundenbetreuung sowie der Schulung von Mitarbeitern, entbunden und ist jetzt in der Abteilung Firmenkreditwesen tätig, wo sie nicht viel sprechen muss. "Dort kann ich einfach besser meine Luft einteilen", sagt sie, "ich merke von Woche zu Woche, dass es mir wieder besser geht."

Nun im Rückblick, so kann Birner sagen, gleicht ihr Erleben einem Spiegelbild dessen, was ganz Bayern in der Corona-Krise beschäftigte. Fängt an mit den Ereignissen in Wuhan. Davon berichtete ihr eine Kollegin, die von einer Reise im asiatisch-australischen Raum zurückgekehrt war. Als in der Nacht zum 28. Januar der Sprecher des Gesundheitsministeriums in München am Telefon die Medien über Deutschlands ersten Coronavirus-Fall informierte, rückten die Ereignisse auch in unmittelbare Nähe von Birgit Birner. Ihr Bruder hat im Home-Office mitunter mit der im Kreis Starnberg ansässigen Firma Webasto zu tun, in der sich Mitarbeiter während eines Workshops bei einer chinesischen Kollegin angesteckt hatten. "Kurz darauf hieß es, die Kontaktpersonen seien alle bekannt, man habe das im Griff."

Noch näher rückte Corona dann nach den Faschingsferien. "Meine Tante war mit meiner Cousine in Ischgl", erinnert sie sich. Nach der Rückkehr aus Ischgl, in einem Medienbericht als "die Brutstätte" bezeichnet, begaben sich die Tante und die Cousine in Quarantäne. "Da war das schon alles etwas näher an mir dran", sagt Birner.

Ganz nah kam die Pandemie zu Birgit Birner dann Ende März. Auch das war ein Spiegelbild der damaligen Ereignisse. Birgit Birners Mann arbeitet als Hausmeister in einem Altenheim und erlebte die dramatischen Stunden mit, als dort Corona ausbrach und es an Schutzkleidung und Masken fehlte. Tage der Verzweiflung - und der Wut. Zeiten, in denen ein Ministeriumsmitarbeiter aus den Reihen der Wohlfahrtsverbände zu lesen bekam: "Halten Sie mich für blöd? Haben Sie meine Mail überhaupt richtig gelesen? Hier vor Ort geht es um Leben und Tod." Und: "Durch fehlende Schutzkleidung wird das Leben unserer Heimbewohner und Mitarbeiter in vollkommen fahrlässiger Weise gefährdet."

Birners Ehemann nahm schließlich an einer Corona-Reihentestung teil, am Telefon teilte er seiner Frau das Ergebnis mit: positiv, er komme jetzt nach Hause. Sie antwortete: "Ich stehe hier schon mit dem Fieberthermometer unter dem Arm." Mehr noch als an sich selbst dachte Birgit Birner in den kommenden Wochen an ihren Vater, der gerade noch vor dem ersten Lockdown einen Pflegeheim-Platz bekam. Und an die Schwiegereltern, die mit ihr und ihrem Mann unter einem Dach leben. "Wir haben das so hingekriegt, dass sie sich nicht angesteckt haben", sagt sie. Ihren Vater aber hat sie wochenlang nicht mehr gesehen: auch eine Folge des ersten Besuchsverbots in Bayerns Pflege-Einrichtungen. "Jetzt in der zweiten Welle ist er leider positiv getestet worden", sagt die 46-Jährige, "aber toi, toi, toi, er hält sich wacker."

Natürlich bekam sie auch die großen politischen Ereignisse mit: so etwa im September die Corona-Testpanne, nach der Bayerns Gesundheitsministerin kurz vor dem Rücktritt stand. Für Birgit Birner war das aber schon wieder weit weg. Da kämpfte sie bereits mit den Spätfolgen von Covid-19. Mittlerweile ist sie Teil einer Corona-Selbsthilfegruppe. Dort hört sie nicht solche Worte wie: "Wie hast du denn das gemacht?" oder: "Du, steck mich bloß nicht an!" Birner sagt: "In der Gruppe bin ich unter Gleichgesinnten. Die wissen, wovon ich rede. Sie haben es selbst durchgemacht."

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