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NS-Zeit:Zum Sterben verwahrt

In Burgkirchen erforschen Achtklässler die Geschichte der "Ausländerkinder-Pflegestätte" und errichten ein Mahnmal, womöglich das erste in Bayern. In der Baracke ließen die Nazis 158 Kinder von Zwangsarbeiterinnen zugrunde gehen, im ganzen Reich waren es wohl bis zu 200 000

Vom Pfarrer wurde Erwin Mörtlbauer zum Schreiner geschickt, wenn wieder ein Karton vor der Tür lag. Darin waren die toten Kinder aus der Baracke.

(Foto: James R. Hoffman/OMGUS-Akten BayHSta)

Alois Kotischic stirbt am 23. September 1944, da ist er gerade 14 Monate alt. Sein kurzes Leben verbringt er in einer Baracke im oberbayerischen Burgkirchen, umgeben von vernachlässigten Säuglingen, die aus voller Kehle schreien, vor Hunger und Schmerz. Statt Muttermilch gibt es Kaffee und verkochtes Gemüse, keine Medizin. Der Bub wird dort verwahrt, weil er eine polnische Mutter hat und ein Regime an der Macht ist, das in seiner Menschenverachtung auch den Tod unschuldiger Buben und Mädchen in Kauf nimmt. Bis zu 200 000 Kinder von Zwangsarbeiterinnen überlassen die Nazis an Orten wie diesem einem furchtbaren Tod. "Kinderlager" oder "Bewahranstalt" heißen die Lager zunächst, Ende 1942. Im Juli 1943 lässt SS-Reichsführer Heinrich Himmler alle Anstalten umbenennen in "Ausländerkinder-Pflegestätten". Bis heute ist dieses Kapitel der NS-Zeit kaum erforscht.

Burgkirchen hat seine Vergangenheit aufgearbeitet. Oder, um genau zu sein: die achte Klasse der Mittelschule, zusammen mit dem Heimatpfleger Alois Remmelberger. Als Ergebnis steht nun ein Mahnmal dort, wo sich einst die Todesstätte befand, in der Alois Kotischic und 158 andere Kinder ums Leben kamen. "Soweit ich weiß, ist es das erste Mahnmal zu diesem Thema in ganz Bayern", sagt Remmelberger. Der Heimatpfleger hat das Projekt initiiert. Zwei Jahre lang ackerte er sich durch Archivmaterial, damit künftig niemand vergisst, was dort passiert ist. Die Zeitzeugen sterben, in Burgkirchen konnte er nur noch einen einzigen ausfindig machen.

Erwin Mörtlbauer ist wahrscheinlich der letzte, der sich an den Gräuel noch erinnert

(Foto: Benedikt Dietsch)

Erwin Mörtlbauer steht auf dem Friedhof in Burgkirchen am Grab der Pflegekinder. Die Schüler der achten Klasse reihen sich in einem Halbkreis um ihn, mustern den alten Mann im Janker, den letzten bekannten Zeugen. Der 85-Jährige beginnt zu erzählen. Wie er 1944 im Pfarrheim wohnte, weil seine Mutter gestorben und der Vater im Krieg war. Wie er einen Mann sah, der regelmäßig einen Pappkarton vor das Friedhofstor legte. Wie er danach immer einen Brief vom Pfarrer bekam, mit der Anweisung, den Karton zum Schreiner zu bringen. "Ich habe nicht gewusst, was in dem Pappkarton war", sagt er. Heute weiß er, dass darin die Leichen der Kinder transportiert wurden. In den Briefen instruierte der Pfarrer den Schreiner, eine neue Holzkiste zu zimmern, in der die Kinder beerdigt wurden. Mörtlbauer war damals etwa so alt, wie nun die Schüler, die ihm gerade zuhören. Die müssen das eben Gehörte erst einmal verdauen. "Erschreckend" nennt eine Schülerin die Geschichte. Für einen anderen ist es besonders bedrückend. "Ich wohne jetzt ungefähr da, wo der Schreiner früher gewesen ist", sagt er. Ein mulmiges Gefühl, der grausamen Geschichte räumlich so nah zu sein. Auch wenn sie schon lange zurückliegt.

Die sogenannte Pflegestätte in Burgkirchen wurde im April 1944 errichtet. Im ganzen Reich entstanden um diese Zeit 400 bis 600 solcher Orte. Sie wurden eingerichtet, da immer mehr "Ostarbeiterinnen" schwanger wurden. Zuvor waren solche Frauen in ihre Heimat zurückgeschickt worden. Doch nachdem immer mehr Männer im Reich kriegsbedingt als Arbeitskräfte ausfielen, schonte das Regime selbst schwangere Zwangsarbeiterinnen nicht mehr. Aber wohin mit den Kindern, die aus Sicht einer verbrecherischen Rassenideologie als nicht lebenswert galten? "Hier wollte sich keiner die Hände schmutzig machen", sagt Mark Spoerer, Historiker an der Universität Regensburg. Heinrich Himmler und Fritz Sauckel, der Verantwortliche für die etwa zehn Millionen Zwangsarbeiter im Land, gaben nur vage Anweisungen für die Pflegestätten. Der Tod der Kinder war einkalkuliert, aber nicht ausdrücklich von ihnen angeordnet. Folglich variieren die Sterbequoten in den Heimen erheblich, je nachdem wie die Vorgaben vor Ort umgesetzt wurden. Zum Teil war die Quote kaum höher als unter deutschen Kindern zu dieser Zeit.

In anderen Pflegestätten lag sie bei 90 Prozent. In Burgkirchen etwa starb jeden zweiten Tag ein Kind, kurz vor Kriegsende wurden die Säuglinge kaum älter als einen Monat. Die Verantwortlichen wussten um die Grausamkeit in den Pflegestätten. "Um sich vor der Verantwortung zu drücken, haben sie nur ausländische Pfleger und Ärzte eingesetzt", sagt Remmelberger. Nach Kriegsende beging Himmler Selbstmord, Sauckel wurde zum Tode verurteilt. Doch auf Kreisebene wurden fast alle Mittäter freigesprochen. Die Pfleger gingen größtenteils zurück in ihre Heimat. Nur vereinzelt finden sich heute noch Archive, in denen Originaldokumente zu diesem Sachverhalt erhalten blieben. "Es ist deswegen sehr schwierig, dieses Thema umfassend zu erforschen", sagt Mark Spoerer. Helfen könnte es, wenn die Akten der Standesämtern aus der NS-Zeit einsehbar wären, sagt Heimatpfleger Remmelberger. "Hier wurden alle Geburten und der Tod der Kinder in Pflegestätten registriert." So könnten neue Forschungen angestoßen werden, zumindest auf Gemeindeebene.

Vorerst bleibt das Mahnmal in Burgkirchen alleine. "Tot ist nur, wer vergessen wird", steht dort unter einer Liste aller Opfer. Auch dieser Name steht dort, an vierzehnter Stelle: Alois Kotischic.