Münster schlägt München:Von wegen Radlhauptstadt

Lesezeit: 3 min

Fahrradkampagne 'Radlhauptstadt München', 2010

2010 wirbt die Stadt München vor dem Rathaus für ihr PR Projekt "Radlhauptstadt München" - 2013 bleibt noch viel zu tun.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

München wäre es gerne, Münster ist es: die Großstadt, die bei Radfahrern am besten abschneidet. In einzelnen Punkten wie der Seltenheit von Diebstählen liegt die bayerische Landeshauptstadt zwar weit vorne, für die Politik gibt es dennoch viel zu tun.

Von Marco Völklein

Es gibt eine Stadt mit M in Deutschland, die nennt sich "Radlhauptstadt". Und es gibt eine Stadt mit M in Deutschland, die ist seit Jahren die Radlhauptstadt der Republik. Das belegt nun wieder der "Fahrradklima-Test" des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), der am Freitag vorgestellt wurde. Demnach ist Münster die beliebteste Fahrradstadt Deutschlands. Und eben nicht München, das sich 2010 in einer Marketingkampagne zur Radlhauptstadt ausgerufen hat. München landete bei dem Test unter den Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern nur auf Platz elf. Vor der Landeshauptstadt liegen unter anderem Freiburg, Karlsruhe, Kiel, Bremen, Frankfurt und Leipzig.

Um zu ermitteln, wie fahrradfreundlich eine Kommune ist, hatte der ADFC im vergangenen Herbst die Radler per Internet aufgerufen, einen umfangreichen Fragebogen zu beantworten. Unter anderem hatten die Tester danach gefragt, ob Radfahrer am Ort als Verkehrsteilnehmer akzeptiert werden, ob die Radwege im Winter aus Sicht der Radler gut geräumt werden oder ob man sein Rad günstig und bequem im öffentlichen Nahverkehr mitnehmen kann - und wenn nicht, ob es an den Haltestellen genügend Abstellplätze gibt. 80.000 Radler machten bundesweit mit, bewertet wurden insgesamt 332 Städte. Der Münchner Radverkehrspolitik stellten sie ein durchwachsenes Zeugnis aus.

Freuen können sich die städtischen Verkehrsplaner immerhin darüber, dass München sich gegenüber der letzten Befragung aus dem Jahr 2005 leicht verbessern konnte. Damals hatte München zwar auch den elften Platz belegt, allerdings waren in der Wertung der Städte mit mehr als 200 000 Einwohnern auch nur 28 Kommunen vertreten. In diesem Jahr schafften es 38 Kommunen in diese Wertung. So lobt der ADFC die Radlhauptstadt-Kampagne ausdrücklich als einen Versuch, mehr Menschen aufs Rad zu bringen. Ähnliches hatten laut ADFC auch Frankfurt und Karlsruhe gestartet - wobei es die Badener damit aber gleich mal auf Platz drei in der Gesamtwertung schafften.

Im Vergleich zum Spitzenreiter Münster aber auch beispielsweise zur Bankenmetropole Frankfurt stören sich überdurchschnittlich viele Münchner Radler vor allem am mangelnden Komfort beim Radfahren sowie an der aus ihrer Sicht nach wie vor nur unzureichend ausgebauten Infrastruktur. Bei all diesen Fragenkomplexen schneiden Münster, Freiburg und Karlsruhe, aber auch größere Städte wie Frankfurt oder Bremen, besser ab als die Stadt an der Isar. Lediglich bei der Frage, ob häufig Hindernisse auf den Radwegen anzutreffen sind, kann München zum Beispiel gegenüber Frankfurt punkten. Zudem scheinen sich Münchner Radler weit weniger oft über Raddiebstähle zu ärgern als die Bewohner anderer Kommunen. Während die Radlhauptstadt Münster in diesem Punkt extrem schlecht bewertet wird, liegt München unter den Großstädten auf Rang zwei. Noch weniger Räder geklaut werden nur in Wuppertal.

Insgesamt aber, so heißt es beim ADFC, seien die Städte durchschnittlich schlechter bewertet worden als bei der letzten Befragung vor sieben Jahren. Dabei schlugen sich unter anderem zu enge Radwege oder fehlende Abstellgelegenheiten nieder. Die ADFC-Chefs gehen jedoch nicht davon aus, dass sich die Situation tatsächlich verschlechtert hat, sondern dass es ein stärkeres Bewusstsein für die Probleme von Radfahrern gibt.

Stadtrat stehen heftige Diskussionen bevor

Dass dem so ist, merken auch die Politiker im Münchner Rathaus. Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle, selbst ein begeisterter Radler, will in diesem Frühjahr die Zahl der als "Fahrradstraßen" ausgewiesenen Strecken in etwa verdoppeln. Bislang gibt es 20 solcher Straßen, auf denen die Radfahrer Vorrang haben und explizit auch nebeneinander fahren dürfen. Diese liegen aber meist eher in Vierteln am Stadtrand und umfassen oft nur kurze Teilabschnitte von Straßen. Das soll sich ändern: Unter anderem plant Blume-Beyerle die Clemensstraße in Schwabing als Fahrradstraße auszuweisen - und so den Radlern eine komfortabel zu befahrende Ost-West-Trasse anzubieten.

Auch das Baureferat will im Frühjahr endlich mit dem lange geplanten Umbau der Kapuzinerstraße in der Isarvorstadt beginnen. Dort klafft seit jeher ein Loch im städtischen Radverkehrsnetz, das die Stadt nun schließen möchte. Eine ähnlich große Lücke tut sich nach wie vor in der Rosenheimer Straße auf; dort hatten sich in der Vergangenheit auch immer wieder schwere, teils tödliche Unfälle mit Radlern ereignet. Das Planungsreferat versichert nun, dem Stadtrat vor der Sommerpause eine Lösung für diese Engstelle vorlegen zu wollen. Dort fordern Radler seit langem eigene Radwege oder -streifen. Um diese anzulegen, werden aber entweder Parkplätze oder Fahrstreifen, die derzeit noch den Autos zur Verfügung stehen, weichen müssen. Heftige Diskussionen darüber werden wohl den Stadtrat bewegen.

Ganz ähnlich dürfte es auch in der Lindwurmstraße aussehen. Dort ist der Radweg viel zu eng - das räumen selbst Stadträte ein, die sonst der Radverkehrsförderung skeptisch gegenüber stehen. Als allerdings im vergangenen Sommer wegen einer Baumaßnahme für einige Wochen zwei Autofahrspuren weggenommen und der Platz den Radfahrern zur Verfügung gestellt wurde, gab es gleich heftigen Streit. Autofahrer klagten über Dauerstau, die Radlerlobby forderte dagegen, das Modell sofort umzusetzen. Die Stadtverwaltung will sich indes Zeit lassen: Eine Beschlussvorlage für den Stadtrat werde man erst erarbeiten können, wenn das Projekt Rosenheimer Straße abgeschlossen ist, heißt es aus dem Planungsreferat.

Alle Ergebnisse gibt es detailliert unter www.adfc.de/fahrradklima-test.

Zur SZ-Startseite