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Mitten in Nürnberg:Nach 68 Tagen geht's um die Wurst

Es sind noch nicht einmal die obligatorischen 100 Tage um und schon kann Nürnbergs neuer Oberbürgermeister erste Erfolge vorweisen. Einer davon rührt gar an den Wesenskern der Stadt

Kolumne von Olaf Przybilla

Üblicherweise wird nach 100 Tagen eine erste Bilanz der Amtszeit gezogen, nicht nach 68, und so hätte das beim neuen Nürnberger OB Marcus König noch Zeit. Andererseits sollen von diesem Dienstag an auf dem städtischen Hauptmarkt erstmals seit Menschengedenken dauerhaft frisch gegrillte Bratwürste angeboten werden - auf Königs Initiative hin - und in so einem leuchtenden Sonderfall angewandter Politik muss eine Bilanz auch mal vorgezogen werden.

Klar, Nicht-Nürnberger halten diesen Durchbruch am Wurststand für so wegweisend wie die Erfindung des größten Microchips der Welt. Aber man soll sich nicht irren. Einheimische jedenfalls haben sich bislang auf die Frage, warum es ausgerechnet dort nicht immer dieses geile Zeug gibt, diese Drei im Weggla, von denen einem ganz lull und lall werden kann, vorsorglich die Marktsatzung samt juristischem Einführungsseminar draufgepackt, reden von "historischen Hemmnissen" und davon, dass am Markt nur rohe Ware verkauft werden dürfe. Kenner geben als Senf noch hinzu, dass es da ein paar für die Stadtpolitik eminent einflussreiche Traditionswirte am Rathaus gebe, die selbst Würste to go verkaufen und wenig Lust auf Konkurrenz verspürten.

Das alles ist also hochhistorisch und hochpolitisch, und nur so ist die Ankündigung des ersten Bratwurstdauerverkaufsmarktstands zu verstehen, die auf einen stadtdiplomatischen Tanz auf der Rostbratwurst schließen lässt: "Der Verkaufsstand wird vom Bayerischen Landesverband der Marktkaufleute und Schausteller e. V. betrieben und in einem rollierenden System von verschiedenen Mitgliedsunternehmen beschickt." Als König noch nicht OB war, sondern CSU-Chef im Stadtrat, hat er das im SZ-Gespräch schon mal griffiger formuliert: "Es muss doch möglich sein, dass sich ein Gast auf dem Hauptmarkt Drei im Weggla reinpfeift."

Voilà, nur 68 Tage hat's gedauert. Eine erste Bilanz zeigt übrigens auch sonst, dass da einer am Werk ist, der das mitunter protestantisch Grüblerische und übervernünftig Abwägende der Stadt mit etwas leichterem Mut abzumildern gewillt ist. Ein 365-Euro-Ticket? Soll plötzlich kommen. Die saumäßige U-Bahn-Passage an der Lorenzkirche? Wird 20 Jahre nach ersten Erörterungen nun tatsächlich in Angriff genommen. Erstaunlich.

© SZ vom 07.07.2020
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