Mitten in Erlangen:Studieren hinterm Bauzaun

Das repräsentative Hauptgebäude der Uni wird erfolgreich verschattet - wegen der bröckelnden Fassade. Klingt verdächtig nach Übertreibung

Glosse von Olaf Przybilla

Vor sechs Wochen hat die studentische Senatorin Luisa Weyers der SZ ein Interview gegeben, wie das so ist, in Erlangen zu studieren. Über die PCB-Belastung in der Philosophischen Fakultät etwa, in der Schwangere nicht wissen, ob sie die eigentlich noch betreten sollen. Über die Archäologie, in der vor acht Jahren die Decke heruntergekommen ist und einen Computer begraben hat. Und über den Sicherheitszaun, der seit Jahren das repräsentative Hauptgebäude der Uni mitten im Zentrum, wie soll man sagen: erfolgreich verschattet.

Sie habe zahlreiche Reaktionen darauf bekommen, erzählt Weyers. Die meisten hätten das sehr positiv aufgenommen: Endlich sagt's mal jemand, schwiemelt nicht herum, nennt diese Peinlichkeiten beim Namen. Freilich gab's auch den Hinweis, eine Studentin dürfe so etwas natürlich sagen, was andere sich womöglich auch denken, aber nicht laut - man will es sich ja nicht verscherzen. Und auch die Staatsregierung hat das Gespräch "mit großem Interesse" gelesen, wenn auch die benannten "Herausforderungen baulicher Art" selbstredend bekannt seien und man längst 1,5 Milliarden Euro für die Erlanger Uni vorgesehen habe.

Na, dann ist ja doch alles gut. Wäre da nicht der Eindruck, dergleichen - wuchtige Investitionen, wichtiges Thema, Geld für die Zukunft - bereits vor 25 Jahren exakt so gehört zu haben, wenn es um den Bestandsschutz in der größten Uni außerhalb Münchens ging. Und wäre da nicht der Eindruck, dass sich für Spitzenforschung in den Bauten einer neugegründeten Uni in der fränkischen Nachbarschaft nun alle mächtig ins Zeug legen. Gibt ja so schöne Schlagzeilen und tolle Bilder. Wen dagegen interessiert die Meldung: Maroder Hörsaal endlich renoviert.

Aber bitte: Kann es wirklich sein, dass sich der Freistaat die Blöße gibt, ein Schloss - den Repräsentationsort, in dem die Unileitung internationale Gäste empfängt - für Jahre hinter einem Schutzzaun zu verschanzen, der bröckelnden Fassade wegen? Klingt verdächtig nach Übertreibung, das ist schließlich Bayern!

Ja nun, offenbar ist es aber so. Sechs Wochen nach dem Interview musste Luisa Weyers, 25, jetzt in den Erlanger Nachrichten die Überschrift lesen: "Der Zaun wird noch Jahre bleiben." Mit ihrem Studium dürfte Weyers dann längst fertig sein.

© SZ vom 27.09.2021
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