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Mitten in Bayern:Vom Elysium zur Hölle

Mit Geheimtipps ist das so eine Sache: Wenn zu viele davon erfahren, ist's schnell vorbei mit Attributen wie traumschön, kontemplativ und himmlisch

Kolumne von Olaf Przybilla

Der Kollege H., ein Münchner, hat vor etlichen Jahren angefragt. Seine Mutter suche nach einem Landstrich, wo man das dritte Lebensdrittel in Ruhe und Schönheit verbringen könne. Erstaunlicherweise sei der Begriff "Unterfranken" gefallen, von einer "Mainschleife" sei die Rede gewesen. Ob man das empfehlen könne, also ganz im Ernst?

Die Kollegin Sch., ebenfalls Münchnerin, hat vergangenes Jahr angefragt. Ein mehrtägiger Ausflug in des Freistaats Norden sei als Überraschung für die Mama angedacht, ob man da womöglich einen Tipp hätte. Hatte man, genauso übrigens wie man dem Kollegen H. uneingeschränkt zugesprochen hatte zuvor: Für die Gegend um Volkach, die Vogelsburg und den Altmain samt Schleife darf man Vokabeln herauskramen, die sonst wegen Schwülstigkeit auf dem Index stehen. Ja doch, diese Region ist traumschön, kontemplativ, vielleicht sogar himmlisch. Präziser gesagt: Sie war es.

Kollegin Sch. hat das mit dem mehrtägigen Ausflug leider erst vor ein paar Wochen in die Tat umsetzen können, zu spät, wird man attestieren müssen. Dass dieser Flecken Erde gesegnet ist, stellte sie hernach nicht in Abrede. Kontemplativ aber, himmlisch ruhig gar? Das würde inzwischen selbst der heimatliebendste Einheimische nicht mehr behaupten.

Im Gegenteil. In Astheim haben sie an diesem Wochenende zur Demonstration aufgerufen: gegen das touristische Überrollen eines Ex-Paradieses und gegen die Verschandelung ihrer einst hinreißenden Heimat mit Plastikmüll und Gummitieren. Die Ausflügler haben's mit Interesse zur Kenntnis genommen, haben ihr Auto in der erstbesten Einfahrt geparkt und sind weiter zum Altmain gelatscht.

Was da passiert ist? Ein peppigeres Tourismuskonzept, der "Urlaub-zu-Hause"-Trend, allerlei hübsche Instagram-Bilder, kürzlich kam sogar der Ministerpräsident auf dem Radl vorbei und postete eifrig - und schon kann aus einem Elysium die Hölle für Einheimische werden. Besteht etwa die Gefahr, dass Franken, dieser Gegenentwurf zum "Hotspot", jetzt auch noch touristisch veraltbayert?

Indizien dafür gibt's: Bamberg ist bereits überlaufen, auch das Seenland bei Pleinfeld ächzt. Schöne und ruhige Flecken hat's zwar noch genug. Empfehlen aber sollte man sie vielleicht nicht mehr.

© SZ vom 11.08.2020
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