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Mitten in Bayern:Geschwisterliche Bande

Die zwei Bergvölker in Bayern und Schottland haben viel gemein - zum Beispiel eine gewisse Sturheit, aber auch Lebensfreude. Und den Willen zur Eigenständigkeit. Und so könnte der bei den Schotten ungeliebte Brexit die Annäherung der beiden befördern

Glosse von Johann Osel

Oktober 2019 (auch wenn jede Erinnerung ans Reisen gerade wehtut) im schottischen Hochland, irgendwo rund um die Dörfchen Glenachulish, Ballachulish und Achindarroch. Der kalte Wind pfeift, der Eisregen hat zum Glück aufgehört. Aus dem Bus geht's hinaus zur Wanderung. Der Tourist aus Bayern legt mit der Regenhaut eine fünfte Schicht an, über Jacke, Pulli, Longsleeve und T-Shirt. Anders der Einheimische, der die Gruppe anführt, er stapft in kurzer Hose voraus. "Wir sind halt Schotten", sagt er, blickt mitleidig auf den Eingepackten und fügt an: "Andere sind anders." Nun kennt man Bilder, auf denen bayerische Voralpenkinder wetterunabhängig in kurzer Lederhose strawanzen. Und doch sind in dem Moment all die Thesen über die Ähnlichkeit von Schotten und Bayern perdu. Abends ändert sich das, als die Regionalvariante von "Toad in the hole" serviert wird, "Kröte im Loch". Auflauf aus Haggis, Schafsinnereien, mit Kartoffelbrei. Ziemlich nah an Blut- und Leberwürsten.

Zwei Bergvölker, oft stur, aber lebenslustig und das erst recht am Glas, zudem auf Selbständigkeit pochend gegenüber den bösen Kapitalen in Berlin oder London, baumstammwerfend hier, fingerhakelnd da - alles unbestreitbar. Doch wie steht es wirklich um Bayern und Schotten? Sehr eng, sagen die Freien Wähler und sehen "geschwisterliche Bande". Im Europaausschuss des Landtags ging es unlängst darum. Wenn die Briten durch den Brexit auf Distanz gehen und es in Schottland Europafreundlichkeit und Unabhängigkeitsgedanken gibt - dann solle das Verhältnis nach dem Willen der FW intensiviert werden: bessere Wirtschaftskooperation, parlamentarischer Austausch, Städtepartnerschaften, Projekte für Studenten und Schüler, die Gründung einer bayerisch-schottischen Gesellschaft womöglich. "Mit dem Brexit haben wir die historisch einmalige Chance, einen Quantensprung in den bayerisch-schottischen Beziehungen zu vollziehen", meint Tobias Gotthardt, europapolitischer Sprecher der FW. Bei Schottlands Brücke nach Europa könne Bayern "Brückenkopf" sein.

Oder gleich eine Fusion? Schottische Monarchisten glauben ja: Laut Genealogie wäre ihr rechtmäßiger König in München zu finden, wie ein Bild-Kolumnist neulich mal wieder aufs Tapet brachte: Herzog Franz aus dem Haus Wittelsbach.

© SZ vom 01.03.2021
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