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Mitten in Bayern:Ernst Litfaß würd's freuen

Bürgerbeteiligung ist immens wichtig, heutzutage. Und in Neumarkt-St. Veit setzt man nicht nur auf "Homepage, Facebook, QR-Code und das ganze Zeug", sondern auch auf Altbewährtes

Glosse von Matthias Köpf

Es ist natürlich keineswegs so, dass in der Stadt Neumarkt-St.Veit im Landkreis Mühldorf schon seit der Gründung durch den Landshuter Herzog Heinrich XIII. vor 752 Jahren über die Umgestaltung des damals ja noch nagelneuen Stadtplatzes gestritten würde. Doch einen beträchtlichen Teil des 21. Jahrhunderts haben die Neumarktsanktveiter bisher schon mit der Debatte zugebracht, inklusive Bürgerentscheid und einigen folgenden, aber folgenlosen Beschwerden. Neulich haben die Arbeiten aber tatsächlich begonnen. Die Stadt hat zur zeitgemäßen Platzgestaltung schon zuvor zwei zukunftsweisende Akzente gesetzt und zwei neue Litfaßsäulen aufstellen lassen.

Nun sind diese Säulen zwar nicht im Jahr 1269 von Herzog Heinrich XIII. erfunden worden wie Neumarkt, sondern Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Drucker, Verleger und nachmaligen Berliner Reklamemonopolisten namens Ernst Litfaß. Als neuester Informationsträger für das 21. Jahrhundert können sie aber auch kaum gelten. Anderseits: "Homepage, Facebook, QR-Code und das ganze Zeug" fährt man in Neumarkt-St. Veit laut Bürgermeister Erwin Baumgartner ja schon auch auf, um Bürger und Gäste über das Projekt auf dem Laufenden zu halten. Und zusätzlich zu all dem hat der städtische Bauhof eben zwei Litfaßsäulen gezimmert und mit dem Stapler auf den Stadtplatz gestellt. Dort können sich Wartende und andere Neugierige nun die Zeit bis auf Weiteres mit den ausgehängten Plänen für die Neuverlegung der Wasserleitungen und Kanäle und für die Pflastergestaltung vertreiben. Und wenn diese beiden vorerst am oberen und am unteren Brunnen postierten Säulen beim Umgestalten irgendwann selber im Weg stehen, dann kommt der Bauhof mit dem Stapler und stellt sie halt woanders hin.

Im Weg war den Arbeitern aber erst einmal etwas anderes, nämlich ein alter Weg aus Holzbohlen, der nun von einer Archäologin dokumentiert und teilweise geborgen wird. Die Arbeiter machen einstweilen woanders weiter, der Platz ist schließlich 220 Meter lang. Wie lang auch immer seine Umgestaltung dauern wird, es wird wohl schneller gehen als mit der 2012 eröffneten Umgehungsstraße, die den ganzen Umbau erst ermöglicht hat. Die ersten Pläne dafür stammen aus dem Jahr 1936, der Blütezeit der Litfaßsäulen.

© SZ vom 13.04.2021
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