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Mitten in Bayern:Der verschollene Stadtrat Nadvornik

Wer gewählt werden will, will für gewöhnlich politisch aktiv sein. So weit die gängige Meinung. Im Waldkraiburger Stadtrat aber sitzt einer, der sieht das offenbar anders. Weil er dort so gut wie nie sitzt

Glosse von Matthias Köpf

Der Stadtrat von Waldkraiburg im Landkreis Mühldorf besteht aus immerhin 30 Räten plus Bürgermeister, also aus 31 Leuten. Mehr als 30 sind aber in der laufenden Wahlperiode fast noch nie zusammengekommen. Schon bei der konstituierenden Sitzung nach der Wahl im Frühjahr hatte ein Mitglied gefehlt, das dann bei seinem erstmaligen Erscheinen im Juli nachträglich vereidigt werden musste. Jene Sitzung ist aber bisher auch die einzige geblieben, an welcher der Spätvereidigte teilgenommen hat. Den Kultur- und Sportausschuss mitgerechnet habe er bei neun von zehn Sitzungen gefehlt, so haben es ihm seine Ratskollegen und der Mühldorfer Anzeiger inzwischen vorgerechnet. Diese Woche war die elfte angesetzt. Aber Wolfgang Nadvornik war wieder nicht da.

Wäre Nadvornik bei der Kommunalwahl im März nicht zum Stadtrat, sondern gleich zum Bürgermeister gewählt worden, so wie die CSU und er selbst es den Waldkraiburgern vorgeschlagen hatten, dann hätte er sich für die Stadtpolitik schon ein bisschen mehr Zeit nehmen müssen. Aber vielleicht hätte er dann auch ein bisschen mehr Lust und Muße dafür gehabt. Er wolle keiner von denen sein, die nur von der Couch aus kritisieren, hatte Nadvornik vor der Wahl zu seinem plötzlichen politischen Engagement gesagt. Aber die durchaus deutliche Mehrheit der Waldkraiburger Wähler fand dann offenbar, dass der noch aus BR und Sportschau bekannte Nadvornik besser weiterhin auf Eurosport Tennis kommentieren und jedenfalls nicht ihr Bürgermeister werden sollte. Was er seither auf seiner Couch gemacht hat, muss offen bleiben. Falls er Kritik geübt haben sollte, dann jedenfalls nicht im, sondern eher am Stadtrat. So hat er neulich - offenbar als Entgegnung auf die vielen Rücktrittsforderungen - einen Brief ins Rathaus geschickt. Den wollte der Bürgermeister dann aber lieber nicht in der öffentlichen Sitzung vorlesen, weil da einiges "unter der Gürtellinie" sei.

Und persönlich war Nadvornik ja wieder mal nicht da - entschuldigt übrigens, so wie er meistens, aber keineswegs immer entschuldigt gefehlt hat. Für das letzte unentschuldigte Fehlen haben ihm die Kollegen in der Sitzung 50 Euro Ordnungsgeld aufgebrummt. Einstimmig, mit CSU, aber ohne Nadvornik.

© SZ vom 18.12.2020
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