Mit Visionen und Ideen Wandel am Obersalzberg

Bei der Einweihung des Luxushotels auf dem Obersalzberg spielte vor zehn Jahren noch zünftige bayerische Blasmusik auf.

(Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Kempinski übernimmt das Fünf-Sterne-Hotel und will ihm nun alpines Flair einhauchen. Der Hotelbetrieb an diesem belasteten Ort stößt kaum noch auf Kritik - doch die Besucherzahlen lassen zu wünschen übrig

Von Heiner EffernVon Heiner Effern, Obersalzberg

Auf der Straße den Kehlstein hinauf sind derzeit Felsenputzer unterwegs. Angeseilt wie Kletterer schlagen sie lockeres Gestein aus den Wänden, damit die Touristen zu Beginn der Sommersaison sicher zu Hitlers früherem Teehaus hinaufkommen. Direkt unterhalb sind derzeit auch Handwerker gefragt, im früheren Interconti am Obersalzberg. Am 1. Mai eröffnet das Fünf-Sterne-Haus neu als Kempinski Hotel Berchtesgaden. Das neue Management will alpines Flair schaffen: Neue Böden werden verlegt, andere Stoffe wie zum Beispiel Loden ziehen ein, die Gastronomie soll berglerisch werden. "Wir sind sehr positiv gestimmt", sagt der neue Hotelchef Werner Müller. "Wir haben viele Visionen und Ideen."

Doch auch er muss sich wie seine Vorgänger von der Konkurrenz fragen lassen: Passen die in diese Umgebung, zu diesem geschichtlich so belasteten Ort? Müller meint, auch auf dem Obersalzberg lässt sich ein Hotel dieser Kategorie erfolgreich betreiben. Ob der Gast sich mit der NS-Geschichte auseinandersetze, bleibe jedem individuell überlassen. Die nahe Dokumentation biete dazu Gelegenheit.

Als vor zehn Jahren die ersten Gäste nur ein paar Hundert Meter von Hitlers Alpenfestung entfernt ihre Suiten bezogen, wurde bis nach New York und Malaysia nur eine Frage diskutiert: Darf man das auf dem Obersalzberg, dem zweiten Regierungssitz und Ferienidyll der Nazis? Luxusurlaub auf dem Eckerbichl, der in den Jahren des NS-Regimes Göring-Hügel hieß, weil hier der Reichsmarschall von seiner Villa ins Tal blickte? Michel Friedmann, im Jahr 2005 Vize im Zentralrat der Juden, sprach von der "Enthistorisierung des Ortes". Das Wochenmagazin Die Zeit nannte das neue Hotel "Hitlerconti".

Der Freistaat Bayern hatte nach dem Abzug der Amerikaner vom Obersalzberg ein Zwei-Säulen-Modell für die Gestaltung der Zukunft entwickelt: Für die Aufarbeitung sollte die Dokumentation sorgen, für das Fernhalten der Altnazis und jungen Rechtsradikalen ein Luxushotel, das sich die meisten von diesen nicht leisten können. Zehn Jahre nach der Eröffnung des Hotels bilanziert nicht nur Finanzminister Markus Söder (CSU): Das Konzept ist aufgegangen. Der Berchtesgadener Bürgermeister Franz Rasp (CSU) sieht das so, Landrat Georg Grabner (CSU) und in vorsichtigen Worten auch Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern. "Hätte man mich damals gefragt, hätte ich gegen ein Hotel an diesem Ort plädiert. Ich hatte damals Bedenken, dem Ort würde zu großer Zulauf von Neonazis beschert", erklärt sie heute. Es sei aber wohl gelungen, das zu verhindern. Sich zurückzulehnen sei aber nicht angebracht: "An diesem Ort ist ein Höchstmaß an Geschichtsbewusstsein gefordert, um die Balance zwischen touristischen Interessen und historischer Verantwortung zu halten."

Auch die Besucher haben das Zwei-Säulen-Modell angenommen, allerdings anders als vom Freistaat vermutet. Die Dokumentation muss wegen des großen Andrangs zum wiederholten Male erweitern. Das Hotel wäre froh, ein bisschen mehr Besuch zu verspüren. Die Auslastung stagniert seit der Eröffnung bei etwa 50 Prozent. An eine erwähnenswerte Rückzahlung der Investitionen des Freistaats von etwa 100 Millionen Euro war nie zu denken. Es war schon ein Erfolg, wenn der operative Betrieb keine Verluste machte. Diese bleiben allerdings ohnehin nicht bei Managementfirmen wie Interconti oder Kempinski hängen, sondern beim Steuerzahler. Eine Tochter der BayernLB beschäftigt fast das gesamte Personal und gleicht die Bilanzen aus. Dies sei ein politischer Auftrag, sagt ein Sprecher, dem die Bank auch weiterhin nachkomme.