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Missionsgeschichte:"Rein und schön war ihre Seele"

Das Kloster Beuerberg nahm Mitte des 19. Jahrhunderts freigekaufte Sklavenkinder aus Afrika auf. Drei Mädchen starben schon bald an den Folgen der Strapazen, denen sie ausgesetzt waren.

Von Lea Utz

Als Jemanga die Pforte des Beuerberger Klosters erreicht, ist sie ungefähr zehn Jahre alt - und, wieder einmal, völlig fremd. "Sie wurde so schrecklich geschlagen, dass ihr Verstand dadurch sehr geschwächt wurde", heißt es in der Klosterchronik über den Neuankömmling aus Darfur, dem heutigen Sudan.

Es sind Zeilen, die das Leid erahnen lassen, das hinter ihr liegt. Von Sklavenhändlern aus ihrer Heimat verschleppt, wird Jemanga Cossegra in der arabischen Welt verkauft. Ein italienischer Missionar kauft sie in Ägypten frei, doch auf dem Schiff nach Europa erkrankt sie schwer, entgeht dem Tod nur knapp. Im Juni 1855 bringt er sie mit zwei weiteren Mädchen, Tunia aus Bornu am Tschadsee und Adgigia aus dem heutigen Sudan, zu den Salesianerinnen ins oberbayerische Beuerberg südlich von München. Adgigia ist nur fünf Jahre alt. "Wir waren tief bewegt beim Anblick dieser Opfer verabscheuungswürdiger Gewinnsucht", schreiben die Schwestern später über diese erste Begegnung.

Viele Details aus dem zerrissenen Leben der Mädchen lassen sich heute, mehr als eineinhalb Jahrhunderte später, nicht mehr nachvollziehen. Doch ihre Geschichten werfen ein Schlaglicht auf den Sklavenhandel im osmanischen Reich - und nicht zuletzt auch auf die Missionsbestrebungen der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert. Denn das Schicksal der Kinder aus Beuerberg, zu denen später noch zwei weitere hinzukamen, ist kein Einzelfall. Sie sind beispielhaft für ein ungewöhnliches Kapitel der Missionsgeschichte.

Der Missionar Nicolò Olivieri aus Genua kaufte Mitte des 19. Jahrhunderts bei zahlreichen Reisen nach Ägypten mehr als 800 Kinder frei, die er in etwa 100 europäischen Klöstern unterbringen ließ - größtenteils in Italien und Frankreich, aber auch in Teilen Süddeutschlands. "Damals war es für Reisende nicht unüblich, Sklavenkinder mitzubringen", sagt der Münchner Kirchenhistoriker Roland Götz. Außergewöhnlich sei allerdings die Größenordnung, in der Olivieri dies tat.

Ein Bild der Armen Schulschwestern in München mit einem Mädchen aus Schwarzafrika.

(Foto: oh)

Dem Missionsziel der Zeit entsprechend, wollte er die Kinder zum christlichen Glauben erziehen lassen, um ihnen - so schreibt es die Archivarin später in die Beuerberger Chronik - "die Thore der ewigen Seeligkeit zu öffnen". Sie sollten später als Missionare in ihre Heimat zurückkehren, um dort den christlichen Glauben zu verbreiten.

Den Schwestern in Beuerberg stand keine leichte Aufgabe bevor. "Diese Mädchen waren traumatisiert", sagt Götz. Sie waren von den Misshandlungen währen der Sklaverei und den Strapazen der Reise gezeichnet. Dazu kam die Sprachbarriere, zur damaligen Zeit eine schier unüberwindbare Hürde. Weil die Kinder aus verschiedenen Sprachräumen südlich der Sahara stammten, konnten sie sich untereinander vermutlich nur bruchstückhaft auf Arabisch verständigen.

"Es war anfangs schwer, mit diesen Kindern zu verkehren, da sie unter dem peinlichen Eindrucke waren, man wolle sie aufzehren", vermerkte die Beuerberger Archivarin. "Doch die mitleidsvolle Liebe und Fürsorge, welche man ihnen angedeihen ließ, hob allmählich diese Furcht", heißt es weiter in der Chronik. Besonders die beiden jüngeren Mädchen legten demnach ihre "üblen Angewöhnungen" ab und fühlten sich "nach und nach heimisch und glücklich". Die Feststellung, dass Jemanga recht schwer zu erziehen war, deutet allerdings darauf hin, dass der Alltag für alle Beteiligten eine Herausforderung blieb. Bis heute sind viele Aspekte des Lebens der Mädchen im Kloster Beuerberg ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich ist, dass sie in den Schlafsälen der Schülerinnen untergebracht waren, die im Pensionat des Klosters unterrichtet wurden. In den Archivalien wurden vor allem außergewöhnliche Ereignisse festgehalten - wie der Tag ihrer Taufe, aus Sicht der Schwestern der zentrale Moment im Leben der Mädchen.

Ehrengäste aus der Stadt reisten an, unter ihnen Königin Marie von Bayern, die die Patenschaft für das jüngste Mädchen übernahm. Einen kleinen Seitenhieb auf die Konfession der Königin, eine Protestantin, konnte sich die Archivarin nicht verkneifen: "Wer ist glücklicher zu preisen, das arme Mohrenkind, ganz auf die Barmherzigkeit edler Menschen angewiesen, aber nun ein Kind der heiligen Kirche Gottes - oder die liebenswürdige Majestät auf dem Throne - noch nicht eingegangen in die Hürde Christi?"

Grabinschriften erinnern auf dem Friedhof in Beuerberg an das Schicksal der Kinder.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Eineinhalb Jahre nach der Ankunft der Mädchen willigten die Schwestern ein, zwei weitere Kinder Olivieris aufzunehmen. Unterstützt von einflussreichen Gönnern und Missionsvereinen brachte der Italiener in den 1850er-Jahren immer mehr Kinder nach Europa. "Aus heutiger Sicht ist das natürlich höchst problematisch", sagt Götz. Aber auch damals stieß Olivieris Methode bereits auf Kritik: Einige Diplomaten hielten ihm vor, den Sklavenhandel durch die Freikäufe eher anzuheizen als zu stoppen. Eine Reihe weiterer Klöster in der Region nahmen ebenfalls Mädchen auf: die Benediktinerinnenabtei St. Walburg in Eichstätt (drei Mädchen), die Armen Schulschwestern in München (sieben Mädchen) und Benediktinerinnenabtei Nonnberg bei Salzburg (zwei Mädchen).

An der Ostseite des Beuerberger Klosters führt eine hölzerne Seitentür hinaus auf einen kleinen Friedhof. Dort liegen die Schwestern begraben, die noch bis vor zwei Jahren im Kloster lebten. Ganz hinten in einer der Ecken verbergen sich aber auch drei Gräber, die nicht den Schwestern gehören. "Sie war schwarz, aber rein und schön war ihre Seele", ist auf einer der Grabplatten zu lesen. Hier offenbart sich das Scheitern von Olivieris Projekt: Die meisten der Mädchen, die physisch und psychisch geschwächt nach Europa kamen, überlebten die ersten Jahre dort nicht.

Auch drei der Beuerberger Mädchen starben trotz ärztlicher Betreuung noch in den 1850er-Jahren im Kloster. Als Todesursachen vermerkten die Schwestern in den Sterbebüchern Tuberkulose, Lungenleiden und - in Jemangas Fall - Herz- oder Nierenschwäche. "Sie starb nach schmerzlichen Leiden zum großen Bedauern der ganzen Klostergemeinde", steht auf ihrer Grabplatte. Für Steffen Mensch vom Diözesanmuseum sind die Gräber ein sichtbares Zeichen der Zuneigung der Schwestern. "Wie individuell die Grabplatten beschriftet sind, ist schon bemerkenswert."

Adgigia, die Jüngste, kehrte 1862 nicht von einer Reise in ein Salesianerinnenkloster in Österreich zurück - auch sie erkrankte schwer und starb. Nur eines der Mädchen, Tagena, überstand diese Zeit. Sie wurde im Pensionat der Schwestern unterrichtet und nach zehn Jahren als Missionarin nach Kairo geschickt, um dort ein kirchliches Institut aufzubauen. Papst Pius IX. persönlich überreichte ihr vor der Abreise "eine silberne Medaille, eine Orange, und einen Blumenstrauß". Doch schon im darauffolgenden Jahr erreichte die Beuerberger Salesianerinnen die Nachricht, dass auch sie gestorben war. Einmal mehr in der Fremde.

© SZ vom 03.11.2016
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