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Markt Kipfenberg:Ein sagenhafter Ort der Stille

In Markt Kipfenberg treffen die Dialekte der Oberbayern, Franken, Schwaben und Oberpfälzer aufeinander. Kein Wunder: Auf einem Hügel über dem Dorf liegt die geografische Mitte des Freistaats.

Von Hans Kratzer

Der Sommer zeigt sich ausnahmsweise freundlich, wie blank geputzt wölbt sich der blaue Himmel über das Altmühltal. Wohlig recken die Menschen ihre Hälse der Sonne entgegen. Eine Frauenrunde wehklagt auf dem Kipfenberger Marktplatz bei einer Tasse Cappo über Krampfadern und Mid-Age-Crisis. Eine Bekannte huscht vorbei, sie winkt und ruft: "Hallo Traudi, dich hab ich ja scho lang nimmer gsehn!"

Wie kann man in Kipfenberg jemanden lange nicht gesehen haben? In diesem eng begrenzten, puppenstubenartigen Marktflecken von höchstens 5000 Einwohnern? Das fragt sich der Fremde. Aber vor 2000 Jahren verlief genau an dieser Stelle der römische Limes, die Grenze eines Weltreichs, die Kipfenberger atmen also seit jeher auch globale Weltläufigkeit.

Abseits seiner Straßen umfängt den Markt eine klösterliche Ruhe. Allein die Radwanderer sorgen für Bewegung, der Altmühltal- und der Limes-Radweg führen sie hierher. Gerne legen sie am Fuß der Burg eine Rast ein. Der Marktplatz wirkt trotz seiner fünf Zugänge angenehm geschlossen, was sich schon im Ortsnamen andeutet. Kipf dürfte mit dem slawischen kiffin zusammenhängen, und das benennt einen befestigten Ort (Limes). Die Arbeitsplätze gedeihen in der Peripherie, im Kleinhandwerk ebenso wie in Großbetrieben wie der Glashütte und der Klinik.

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Von Hengersberg nach Hopferau, von Lohr am Main nach Tyrlaching: Die Bayernredaktion reist in diesem Sommer kreuz und quer durch den Freistaat. Wo genau es nach unserem Start in Kipfenberg, der geografischen Mitte Bayerns, hingehen soll, das bestimmen dieses Mal die Leser. Ungewöhnliche Menschen und deren Leben, Naturschönheiten, Ausflüge in die Geschichte, seltene Berufe, ausgefallene Hobbys, Stadtgeflüster und Landpartien, all das kommt als Thema in Frage. Schreiben Sie uns, was und wen Sie in Ihrer Heimatregion für ganz besonders halten. Per Post an Süddeutsche Zeitung, Bayernredaktion, Hultschiner Str. 8, 81677 München oder per E-Mail an bayernredaktion@sueddeutsche.de SZ

Suum cuique, jedem das Seine, ist auf einer Tafel am alten Gerichtsgebäude zu lesen. Nicht zuletzt erinnert diese Sentenz an die letzte Hinrichtung in Kipfenberg am 29. Mai 1826. Der Geliebte einer untreu gewordenen Kipfenbergerin hatte den Ehemann aus dem Weg geräumt. Beide wurden deswegen enthauptet, die Frau wurde eine halbe Stunde vorher noch am Pranger ausgestellt, der Mann nicht.

Solche Geschichten erzählt Theresia Christ, eine pensionierte Lehrerin, deren Ortsführungen sich kein Besucher entgehen lassen sollte. Auch, weil sie das Elend der Frauen in genderlosen Zeitaltern ergreifend zu schildern weiß: In der oberhalb des Marktplatzes gelegenen Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt deutet Theresia Christ auf die gotische Grabplatte einer Adeligen. Sie trägt eine Mundbinde, Frauen hatten einst in der Kirche zu schweigen.

Das ist kein Faschingsscherz, wie er in Kipfenberg durchaus naheläge, denn der Fasching ist das Zentralorgan des Marktlebens, freilich ohne billige Gaudi und Humtata. Er ist so wichtig, dass die Kipfenberger sogar das Kriegerdenkmal versetzten, als sie einen Platz für den neuen Narrenbrunnen suchten. Auf diesem Brunnen tanzt der Fasenickl, eine alemannische Figur, wie Ortsführerin Christ weiß. Fasenickl treiben den Winter aus, aber nur Männer dürfen ein solches Gewand tragen, an dessen Filz Tausende Rauten angenäht werden müssen. Das erledigen wiederum die Frauen, "es ist eine Hundsarbeit", sagt Theresia Christ. Im Fastnachtsmuseum, das im Haus des einstigen Torwächters untergebracht ist, wird dieser Brauch haargenau dokumentiert.

Der Himmel weiß und blau, die Landschaft grün. Der Markt Kipfenberg erfüllt all die Anforderungen, die das Klischee an einen solchen Ort stellt.

(Foto: oh)

Der Humor der Kipfenberger spiegelt sich eher im Nachbarbrunnen, der die Sage des Geißhenkers sichtbar macht. Demnach wollte ein Schneider eine tote Geiß über die Stadtmauer werfen, das Horn des Tieres aber verfing sich, so dass die Geiß außerhalb, der Schneider aber innerhalb der Mauer hing. Seitdem tragen die Kipfenberger den Spitznamen Geißhenker, und der jährliche Limesfestzug wird von der lebenden Marktgeiß Marie angeführt. Überdies belegt die Geiß ein Sprachphänomen. Kipfenberg bildet einen Schmelztiegel vieler Dialekte, denn hier treffen geografisch und sprachlich Oberbayern, Mittelfranken und die Oberpfalz aufeinander; auch der schwäbische Bistumsdialekt schwingt noch hinein. Die Kipfenberger Mundart ist eine Mischung aus allem. Die Geiß heißt deshalb Goaß, nach Eichstätt zu wird sie zur schwäbischen Goiß, nach Norden zur fränkischen Gaaß.

Wo so viel Vielfalt herrscht, muss die Mitte Bayerns liegen. Tatsächlich ist sie am Waldrand hoch über Kipfenberg zu finden, erreichbar über eine schmale Straße. Laut der Bayerischen Vermessungsverwaltung ist diese Mitte aber mit einer Unschärfe belegt, weil die Grenzen Bayerns nicht überall eindeutig festgelegt sind. Trotzdem stellte der Markt Kipfenberg 1980 an diesem Platz einen klobigen Markierungsstein auf. Die Mitte Bayerns wirkt wie ein sagenhafter Ort der Stille in einem Land, in dem alles schreit und rollt und tobt.

© SZ vom 11.08.2014/bica

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