Kratzers Wortschatz:Schwierige Zeiten für Herrgottschmatzer

In der Passionsliturgie traten die Gläubigen einst an das im Altarraum abgelegte Kreuz heran, um die Wundmale Jesu zu schmatzen, also zu küssen. Das taten auch die strumpfsockerten Ministranten. Aber wehe, es war ein Loch im Strumpf

Von Hans Kratzer

Herrgottschmatzer

Unter dem Einfluss von Corona und Säkularisierung schmilzt der Reichtum der Osterbräuche so rasant dahin wie das Eis der Arktis. Recht eigentümlich wirkte beispielsweise das Herrgottschmatzen in der Karfreitagsliturgie. Der Brauch verlangte, dass die Gläubigen zu dem im Altarraum abgelegten Kreuz gingen, um dann hintereinander die Wundmale Christi zu schmatzen, also abzubusseln oder zu küssen. Das Wort schmatzen (Schmatz) hat mehrere Bedeutungen, es kommt darauf an, wie man es ausspricht. Ein Schmatz (Kuss) wird mit dunklem A gesprochen. Klingt das A lang und hell (Schmaaz), handelt es sich um ein Geschwätz, ein Gerücht. Ein Schmatzer redet dumm daher, eben wie ein Schwätzer, eine Schmaazhaubn oder ein Schmarrer. Für Geschwätz ist in der Karfreitagsliturgie aber kein Platz, es herrscht Stille. Des ernsten Anlasses wegen absolvierten die Ministranten die Liturgie einst ohne Schuhe, sie waren strumpfsockert. Wehe, es war ein Loch im Strumpf, das war eine Blamage. Die Ertappten schauten so jämmerlich drein, als litten sie ähnliche Qualen wie der Herr Jesus am Kreuz.

Oarpecken

Ein populärer Osterbrauch ist das Oarpecken. Der Volkskundler Franz Xaver von Schönwerth beschrieb dieses Osterspiel schon um 1890 herum: "Zwei stoßen die Eyer aufeinander, zuerst Spitz auf Spitz, dann Spitz auf Arsch oder umgekehrt. Wessen Ey bricht, verliert es an den anderen." Manches Bürschlein verwendete in betrügerischer Absicht aber ein Gipsei oder ein Pechei. Letzteres wurde ausgeblasen und mit flüssigem Pech gefüllt, nach dem Erkalten der Füllung war es steinhart. Andernorts heißt das Oarpecken auch Oarhiatn (Eierhüten) und Ostereiertitschen, der Brauch ist in ganz Europa verbreitet. In der Oberpfalz sagt man Oiastoußn (Eierstoßen). Wer ein Gipsei verwendet, handelt moralisch verwerflich, er betrügt, er hat quasi einen charakterlichen Pecker (Fehler, Makel).

© SZ vom 03.04.2021
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