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Kratzers Wortschatz:Die ewige Suche nach dem Spektifi

Wenn ältere Damen mit dem Fernglas am Fenster stehen, kann sprachlich allerhand passieren. Liebenswürdiges, nicht Verunzierungen des Bairischen, wie sie der Regensburger Sprachprofessor Ludwig Zehetner in einem neuen Buch zusammenträgt

Basst scho

"Basst scho" ist ein typisch bairischer Ausdruck. In ihm spiegelt sich die weite Toleranzspanne der Sprecher, die aber wie viele andere edle Tugenden im Schwinden begriffen ist. "Basst scho" wird nicht nur gesagt, wenn etwas tatsächlich passt, sondern auch, wenn eigentlich nichts passt, der Sprecher sich aber demütig dem Lauf des Schicksals ergibt. Diese Logik verstehen freilich nur solche Bayern, die mit den Feinheiten des Dialekts groß geworden sind. "Basst scho!" heißt auch eine Buchreihe des Regensburger Sprachprofessors Ludwig Zehetner, in der seine Kolumnen aus der Mittelbayerischen Zeitung zusammengefasst sind. Soeben ist der vierte Band erschienen ("Einblicke in die Geheimnisse des Bairischen", Edition Vulpes, Regensburg, 2019, 19 Euro). Zehetner weist immer wieder darauf hin, dass das Bairische ein eigenständiges sprachliches System darstellt. In diesem Sinne erklärt er in dem Band unter anderem, was es mit alten Wochentagsnamen wie Irta und Pfinzta auf sich hat und mit Verben wie verdrallamanschieren und verurassen. Nicht zuletzt erörtert Zehetner die Phänomenologie der Nudeln in der Volkssprache, er erklärt, welche Anleihen das Bairische aus dem Hebräischen nahm und wie neuerdings Unwörter wie kucken und pennen das Bairische verunzieren.

Spektifi

Vor einigen Monaten war an dieser Stelle eine Abhandlung über den kuriosen Begriff Zuawaziager zu lesen, also über ein Fernglas, das die Dinge ans Auge des Betrachters zuawaziagt (zuaraziagt, ans Auge heranzieht). Helmut Thieß hat uns dazu geschrieben, dieses Wort erinnere ihn an eine verstorbene Nachbarin, die immer einen solchen Zuawaziager auf dem Fensterbrett stehen hatte, damit sie zweifelsfrei erkennen hat können, wer unten auf der Straße vorbeigeht. Allerdings habe sie ihn nie als Zuawaziager bezeichnet, schreibt Thieß, sondern als Spektifi, abgeleitet vom alten Begriff Perspektiv (Spektiv), obwohl es kein Fernrohr zum Zusammenschieben war, wie es im Duden steht, sondern ein einfacher Operngucker. Tatsächlich wird das Wort Spektiv in einigen Mundarten in der Bedeutung von Fernrohr verwendet. Bei älteren Herrschaften muss das auch beim Suchen der Brille herhalten: "Herrschaftszeiten, wo ist denn bloß mein Spektifi?"