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Knabenchor in der Krise:Domspatzen verzweifelt gesucht

Nachwuchssorgen bei einem der bekanntesten Knabenchöre Deutschlands: Um neue Sänger zu finden, inserieren die Regensburger Domspatzen bereits in Zeitungen und im Internet - mit überschaubarem Erfolg.

Wolfgang Wittl

Alles klappt noch nicht an diesem Montag, aber was soll's. "Na, ihr freut euch bestimmt schon, nächstes Jahr in dieses wunderschöne Gebäude hier einzuziehen", ruft Dompropst Wilhelm Gegenfurtner dem Knabenchor erwartungsfroh zu.

Papst in Bayern - Regensburg

Die Domspatzen zählen zu den bekanntesten Botschaftern Regensburgs. Auch Papst Benedikt XVI., dessen Bruder Georg den Knabenchor drei Jahrzehnte leitete, zeigt sich von ihren Darbietungen angetan.

(Foto: dpa)

Die Antwort ist ein skeptisches Blinzeln aus 70 teils unausgeschlafenen Kindergesichtern. Freuen? Auf ein Schulhaus? Am ersten Tag nach den Ferien? Das wäre dann wohl doch etwas zu viel verlangt.

Und so sind es vor allem die Erwachsenen, die sich beim Richtfest an diesem halbfertigen Betonklotz berauschen, der dem mehr als tausend Jahre alten Chor aus seiner Krise und zu einer sicheren Zukunft verhelfen soll. Denn um nicht viel weniger geht es für die Regensburger Domspatzen.

Der Rückgang der Schülerzahlen hat für die Domspatzen besorgniserregende Ausmaße angenommen. Bis zu 70 Neuaufnahmen verzeichneten sie gewöhnlich, genügend, um an ihrem Gymnasium die drei angestrebten fünften Klassen zu bilden. Dieses Jahr allerdings meldeten sich nicht einmal 50 Kinder an - für Domkapellmeister Roland Büchner ein Signal, die Anstrengungen zu intensivieren.

Mit einer bundesweiten Aktion machten sich die Domspatzen auf die Suche nach Schülern, warben im Internet und in Zeitungen, besuchten Schulen rund um Regensburg. Den Negativtrend haben sie vorerst gestoppt, doch die Zahlen stagnieren auf niedrigem Niveau. Mit mehr als zwei Eingangsklassen rechnet Büchner auch im kommenden Jahr nicht. Die Schwierigkeiten sind struktureller Natur.

Wie andere Schulen bekommen auch die Domspatzen die Auswirkungen des Geburtenrückgangs zu spüren. Noch schwerer trifft sie der Verlust eines jahrzehntelangen Alleinstellungsmerkmals: Durch den Ausbau der Ganztagsschulen ist den Domspatzen eine Konkurrenz erwachsen, die sie früher nicht kannten.

Und dann war da vor zwei Jahren der Misshandlungsskandal, von dem Büchner glaubt, dass er sich kaum auf den Rückgang auswirkt, der aber trotzdem Spuren hinterlassen haben dürfte.

Der Chor zieht in die Stadt

Pielenhofen, wo sich die Grundschule der Domspatzen befindet, war Anfang der achtziger Jahre bekannt für seinen rauen Erziehungsstil. Viel schlimmer indes ging es vor dem Umzug nach Pielenhofen in Etterzhausen zu. Für seine Methoden berüchtigt war der inzwischen verstorbene Direktor, der aus heiterem Himmel Stockschläge verabreichte oder Stühle auf dem Rücken achtjähriger Buben zertrümmerte.

Domkapellmeister Büchner will nichts schönreden, er sagt: "Die Institution muss sich damit auseinandersetzen." In Gesprächen mit Eltern, die ihre Kinder für die Vorschule anmelden wollen, seien Misshandlungen aber nie ein Thema gewesen. Gerade Büchner steht für moderne Pädagogik und Offenheit. Das Internat in Pielenhofen wurde vor einigen Jahren auch auf seinen Wunsch hin aufgelöst, "wir haben dieses geschlossene System aufgebrochen".

1994 hat Roland Büchner die Nachfolge von Domspatzen-Leiter Georg Ratzinger angetreten, dem Bruder des Papstes. Vom ersten Tag an sei es sein Ziel gewesen, die Grundschule aus Pielenhofen 20 Kilometer weiter südöstlich in die Stadt zu holen.

Im übernächsten Schuljahr werden Büchners Pläne in Erfüllung gehen. Direkt neben dem Gymnasium entsteht ein Gebäude mit acht Klassenzimmern - doppelt so viele wie bisher in Pielenhofen - und 13 Musikübungsräumen. Die neue Lage in der Regensburger Innenstadt nährt die Zuversicht, künftig jede Jahrgangsstufe doppelt besetzen zu können, das Ziel sind 200 Schüler. "Wir haben ein viel größeres Einzugsgebiet", sagt Chormanager Christof Hartmann.

Dompropst Gegenfurtner, der Vorsitzende des Stiftungsrates, sieht sogar eine Stärkung der gesamten Regensburger Schullandschaft, dabei geht es den Domspatzen zunächst um die Sicherung ihres Fortbestandes, um Nachschub für das eigene Gymnasium. Man wolle "den Nachwuchs spielerisch heranführen und vorbilden", wie Büchner sagt.

Welch hohen Stellenwert die Domspatzen im Bistum Regensburg einnehmen, lässt sich an den Zahlen ablesen. Etwa 13 Millionen Euro kostet der Bau der neuen Grundschule - die Vorfinanzierung wird alleine die Diözese übernehmen.

© SZ vom 11.06.2012/tob
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