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Klinikum Bayreuth:Staatsanwalt ermittelt gegen Verantwortliche

Dass es rumort im Bayreuther Klinikum, hat sich längst herumgesprochen. Doch jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Verantwortliche der Klinik. Es soll um schwere Behandlungsfehler gehen. Einem Medienbericht zufolge ist das Personal stark überlastet.

Von Dietrich Mittler und Katja Auer, Bayreuth

Dass es rumort im Bayreuther Klinikum, hat sich längst herumgesprochen. Die Stimmung zwischen Chefärzten und Geschäftsführung soll mehr als kühl sein, immer wieder kommt es zu Meinungsverschiedenheiten. Auch unter den Bayreuther Hausärzten heißt es, dass die Versorgung offenbar "nicht funktionierte" und die Stimmung im Haus "auf dem Tiefpunkt" sei. Doch nun hat der Missstand offenbar eine neue Dimension erreicht: Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Verantwortliche der Klinik.

Das bestätigte am Dienstag ein Sprecher, wenngleich er nicht sagen wollte, worum es genau geht. Eine Anzeige soll eingegangen sein - schon vor längerer Zeit -, in der jemand unter anderem darauf aufmerksam macht, dass Babys bei der Geburt gestorben seien oder schwer behindert waren. Über diese und andere massive Vorwürfe gegen das Krankenhaus berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

Überlastetes Personal, immer wieder Behandlungsfehler

Dem Artikel zufolge soll in dem Haus stark gespart werden und das Personal überlastet sein, sodass es immer wieder zu Behandlungsfehlern kommt. Das Magazin berichtet von einer 19-jährigen Frau, die im vergangenen Jahr in der Klinik gestorben sein soll, nachdem sie mit Schmerzen im Rücken eingeliefert worden sei. Eine Röntgenaufnahme sei um Mitternacht zwar gemacht, aber nicht mehr ausgewertet worden, sodass ein Arzt erst am nächsten Morgen ein Aneurysma, eine Arterienerweiterung, erkannte. Die Frau war da allerdings schon innerlich verblutet.

Eine Sprecherin der Klinik wollte sich am Dienstag nicht zu den Vorwürfen äußern und auch sonst hält man sich in Bayreuth bedeckt. Dennoch scheint der Bericht einige Verantwortliche aufgeschreckt zu haben. Das Gesundheitsministerium, das zwar keine Aufsicht über die Kliniken hat, hat sich nach Auskunft eines Sprechers dennoch an den Aufsichtsrat gewandt und verlangt Aufklärung. Das Gremium kommt am Mittwoch zu einer Sondersitzung zusammen. Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe (Bayreuther Gemeinschaft), die stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrats, hat die Krisensitzung anberaumt. Die Vorwürfe seien "schwerwiegend und dürfen keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden", schreibt sie in einer Stellungnahme.

Von Ermittlungen habe sie bislang nichts gewusst. Sie macht klar, dass sie das Problem geerbt habe, das schon vor ihrem Amtsantritt vor gut zwei Jahren bestanden habe. Sie habe seither versucht, das Klima im Haus zu verbessern, und auch im Aufsichtsrat sei über die wirtschaftlichen Zwänge gesprochen worden, die der Betriebsrat kritisiert habe. "Was jedoch zurückzuweisen ist, ist der Vorwurf, dass Patienten gefährdet oder aus reinem Gewinnstreben einer Behandlung unterzogen worden seien", sagt die Oberbürgermeisterin. Sie nennt den Geschäftsführer als den Verantwortlichen, dennoch müsse sich der Aufsichtsrat, dem inzwischen auch der Ärztliche Direktor und der Pflegedienstleiter angehören, ein "objektives Bild von den Arbeitsabläufen im Klinikum" machen.

Symptomatisch für Problematik an bayerischen Kliniken

Die Bayerische Krankenhaus-Gesellschaft (BKG) sieht die Nachrichten aus Bayreuth als symptomatisch für die Problematik an, die derzeit den meisten bayerischen Krankenhäusern zusetzt: Ihre Einnahmen sind gesetzlich gedeckelt, doch die Ausgaben - vor allem die Personalkosten - steigen stetig. Die Folge: Die Kliniken geraten finanziell immer mehr in die Schieflage. 52 Prozent der rund 370 Krankenhäuser im Freistaat haben für 2013 ein Defizit ausgewiesen. Sie sind deshalb gezwungen, hart zu sparen - was aber eigentlich nur noch beim Personal geht. BKG-Chef Siegfried Hasenbein warnte bereits im April: "Wenn in Folge von Sparmaßnahmen die Belastung des Personals erhöht wird, wächst auch die Gefahr von Fehlern."

Bayreuth ist - wenn auch dort die aktuellen Vorwürfe extrem sind - kein Einzelfall, was die Belastung des Personals betrifft. Der SZ liegt ein Brief der Bayerischen Landesärztekammer an das Klinikum Augsburg vor. Darin äußert Kammer-Präsident Max Kaplan seine Sorge sowohl über "die personelle als auch die strukturelle Entwicklung am Zentralklinikum". In dem Schreiben geht er dann auf die generelle Lage der Kliniken und die drohende "Arbeitsverdichtung" ein. Er schreibt: "Im Hinblick auf eine qualifizierte Patientenversorgung sehen wir die Gefahr, dass durch eine personelle Unterbesetzung unserer Kliniken die Patientenversorgung nicht nur leidet, sondern dies auch zu Behandlungsfehlern führen kann."

Am Dienstag sagte Kaplan: "Wir haben schon immer vor einer solchen Entwicklung gewarnt." Es könne nicht sein, dass die Ökonomie über die Medizin dominiere. Das werde die Landesärztekammer nicht zulassen: "Wir werden uns hier einspreizen und den Finger erheben."

© SZ vom 06.08.2014/ahem
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