Kinderbetreuung in Bayern Warum der Kita-Ausbau hinterherhinkt

Zu wenig Personal, zu wenige Räume: Der Ausbau der Kinderbetreuung hinkt dem stetig steigenden Bedarf zunehmend hinterher. Die Folgen sind alarmierend.

Von Tina Baier, Dietrich Mittler und Mike Szymanski

Eltern, die einen Krippenplatz für ihr Kind brauchen, müssen sich weiterhin auf Absagen und lange Wartezeiten einstellen. Und das, obwohl sie vom 1. August 2013 an einen Rechtsanspruch auf eine staatlich geförderte Betreuung ihrer ein- und zweijährigen Kinder haben. Doch der Ausbau der Kinderbetreuung hinkt dem stetig steigenden Bedarf zunehmend hinterher.

Ab 2013 hat jedes Kleinkind einen Anspruch auf einen Krippenplatz. Ziel der Politik ist, bis dahin einen Versorgungsgrad von 35 Prozent zu erreichen. 

(Foto: Niels P. Joergensen)

Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg und Chef des Bayerischen Städtetags, schlägt Alarm. Er glaube nicht mehr daran, dass der Krippenausbau rechtzeitig gelingt. "Schon rein quantitativ ist der Rechtsanspruch nicht zu erfüllen", sagte Maly auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung.

Maly sieht auf die Kommunen eine Klagewelle zurollen, ausgelöst von jenen Eltern, denen kein Krippenplatz für ihr Kind angeboten werden kann. Das stets propagierte Ziel, bis 2013 einen Versorgungsgrad von 35 Prozent zu erreichen, greife viel zu kurz: "Der tatsächliche Bedarf in den Städten liegt bei 50 Prozent, wahrscheinlich sogar noch darüber." Die meisten bayerischen Regierungsbezirke werden bis zum Stichtag wohl nicht einmal die 35-Prozent-Marke erreichen. "In Schwaben haben wir derzeit einen Versorgungsgrad von 17 Prozent", sagt Simone Strohmayr, familienpolitische Sprecherin der SPD. "Obwohl fast alle Kommunen ausbauen wollen, werden wir es nicht rechtzeitig schaffen."

In den anderen Regierungsbezirken sieht es nicht viel besser aus. Das belegen die Antworten, die das Sozialministerium im Februar auf eine schriftliche Anfrage der Familienpolitikerin gegeben hat. Demnach werden in Niederbayern nur 16,6 Prozent der Kinder unter drei Jahren betreut, in der Oberpfalz 17,9 Prozent und in Oberbayern 24,9 Prozent - Betreuungsplätze bei Tagesmüttern sind da wohlgemerkt schon mit eingerechnet.

Außerdem behelfen sich viele Kommunen offenbar, indem sie Krippenkinder in Kindergärten unterbringen, die eigentlich nur für größere Kinder ab drei Jahren vorgesehen sind. "Ich bezweifle, dass da die Qualität der Betreuung noch stimmt", sagt Strohmayr.

Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer sagt, der Freistaat unterstützte "die zuständigen Kommunen beim Ausbau der Kinderbetreuung optimal". Insgesamt stünden in Bayern derzeit für knapp 30 Prozent der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze zur Verfügung. Für jeden neu geschaffenen Platz trage der Staat bis zu 80 Prozent der Kosten.

Geld ist nicht der Hauptengpass", sagt dagegen Maly. Der Grund für den schleppenden Krippenausbau sei nicht Geldmangel. Vielmehr fehlten den Kommunen passende Grundstücke "und vor allem das Personal für neue Krippen". "Der Mangel an Erzieherinnen hat sich weiter zugespitzt, und daran scheitert vieles", sagt auch Birgit Riedel vom Deutschen Jugendinstitut in München.

Monika Kaiser, die in der oberfränkischen Marktgemeinde Eggolsheim einen kleinen Kindergarten leitet, kennt das Problem nur allzu gut: Wenn eine Erzieherin krank werde, sei es kaum möglich, eine Vertretung zu finden. "Man arbeitet dann eben ohne Pause", sagt Kaiser. Für den Fall, dass auch sie ausfallen sollte, gibt es eine Absprache: Dann muss kurzfristig eine Mutter einspringen.

Im großstädtischen Bereich potenzieren sich solche Engpässe angesichts des Andrangs von Kindern. "Die Zeiten, in denen Erzieherinnen durch Krankheit ausfallen, nehmen zu", hat Peter Erlbeck, Personalrat im Sozialreferat der Stadt Nürnberg, festgestellt.

Etliche Einrichtungen hätten schlicht zu wenige Mitarbeiter und zudem zu wenige Bewerberinnen, die auch zu jenen Tageszeiten arbeiten können oder wollen, an denen sie gebraucht werden. Die Folgen - auch wenn sie bislang eher die Ausnahme sind: "Die Eltern werden angerufen, ob sie ihr Kind nicht ein paar Tage zu Hause behalten können", sagt Erlbeck.

Der Leiter einer Kindertagesstätte der Stadt München - er will anonym bleiben - bestätigt Erlbecks Beobachtungen, spricht von "Erschöpfungszuständen" und "Burnout" bei den Mitarbeitern. Ihm graut vor der Zeit, wenn die Eltern vor ihm stehen und sagen, sie hätten nun Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. "Doch wenn meine Einrichtung voll ist, kann ich nicht noch zusätzlich jemanden aufnehmen", sagt er.

Die Personalnot trifft aber längst nicht nur die kommunalen Einrichtungen, die in Bayern immer noch die Mehrzahl sind, sondern auch die Tagesstätten anderer Träger. Die Caritas-Einrichtungen in und um München gaben kürzlich bekannt, sie suchten 30 Erzieherinnen und 15 Kinderpflegerinnen. Die Gefahr, dass bewährte Kräfte abgeworben werden, ist groß, selbst wenn Tagesstätten einen guten Ruf genießen.

Ursula Neubauer etwa, die den Caritas-Kindergarten Nazareth in Dachau leitet, ist gerade auf der Suche nach einer neuen Kinderpflegerin. "Eine Kollegin, die elf, zwölf Jahre bei uns gearbeitet hat, ist jetzt von einer Einrichtung abgeworben worden, die in Wohnortnähe liegt und zudem auch noch Arbeitszeiten anbietet, die ihr gelegener kommen", sagt sie.