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Juraprofessorin in Passau:Was eine Verfassung leisten muss

Die europäische Verfassung liest sich wie eine bürokratische Gebrauchsanweisung. Ulrike Müßig will das ändern. Die Juraprofessorin untersucht, wie die Leidenschaft der Menschen geweckt werden kann.

Eine typische Juristin stellt man sich gemeinhin anders vor: Perlohrring und Stehkragen, gestanzte Sätze, die wenig eigene Meinung verraten - man hat es ja mit Paragrafen zu tun. Ulrike Müßig ist anders: knallrotes Jackett, wirbelnde Worte und eine Leidenschaft, die ansteckend wirkt. Ihr Thema, für das sie nun als erste Juristin überhaupt den höchstdotierten europäischen Forscherpreis erhalten hat, ist für sie: eine "Herzensangelegenheit".

Es geht um Europa, ein Thema, das in der Öffentlichkeit kaum Begeisterung hervorruft. Und genau das ist das Problem, sagt die 45-jährige Rechtshistorikerin an der Universität Passau: "Die ganze Welt beneidet uns um unsere freiheitlichen Verfassungen", - doch innerhalb Europas gehe es nur um Genkartoffeln, neue Grenzkontrollen oder Rettungsschirme für verschuldete Länder.

Während Ägypter und Ukrainer sich leidenschaftlich über ihre Verfassungen streiten, herrschen von Stockholm bis Palermo Lethargie oder Verdruss. "Die Krise macht uns deutlich, dass man die Herzen der Menschen nicht mit dem Euro kaufen kann", meint Müßig. Was fehlt, sei eine öffentliche Debatte über die innere Verfassung von Europa und seine gemeinsamen Werte.

Vor 200 Jahren ging es ums große Ganze

Vor 200 Jahren war das anders. Als nach dem Ende des Absolutismus die neu entstandenen Parlamente in Polen, Spanien, Italien, Belgien oder im Deutschen Reich über ihre Verfassungen debattierten, ging es nicht nur darum, den politischen Alltag oder die Landesverteidigung zu organisieren. Es ging um das große Ganze: Was wollen wir als Nation, welche Ideale sollen uns leiten?

"Politiker und Gelehrte haben über nationale Grenzen hinweg heftig über solche Fragen diskutiert", sagt Müßig und ist begeistert von den historischen Quellen, die sie und ihre Mitarbeiter entdeckt haben. Ein polnischer Abgeordneter schrieb fingierte Briefe an seinen Sohn aus den USA, Flugblätter wurden gedruckt, Zeitungen wie die Augsburger Allgemeine berichteten ausführlich über die Debatten.

"Wie eine bürokratische Gebrauchsanweisung"

Und heute? "Wenn ich meine Studenten am Beginn der Vorlesung frage, wer den Vertrag von Lissabon gelesen hat, reckt sich kein Finger", sagt die Passauer Juristin. Kein Wunder, meint sie. "Die europäische Verfassung liest sich wie eine bürokratische Gebrauchsanweisung. Doch die Bürger wollen sich darin wiederfinden." Und so ist eine Grundfrage für ihr Forschungsprojekt: Wie lässt sich die nötige Öffentlichkeit herstellen, damit eine Verfassung in den Herzen der Menschen ankommt?

Vielleicht sahen die Gutachter des Europäischen Forschungsrates (ERC) das genauso: dass die europäische Idee zum Scheitern verurteilt ist, wenn sie nur an Paragrafen hängt - die misslungenen Referenden in mehreren Ländern machten das deutlich.

So gilt Ulrike Müßigs Projekt "Reconsidering Constitutional Formation" als Pionierarbeit. Zusammen mit einer internationalen Wissenschaftlergruppe will sie "die europäische Verfassungsgeschichte neu schreiben" und untersuchen, wie Gesellschaft und politische Praxis damals beim Abfassen der Verfassungstexte und ihren jeweiligen Interpretationen im spanischen Cortes, im polnischen Sejm oder in der Frankfurter Paulskirche mitwirkten. Es war die Bürgerbeteiligung, die zum Erfolg führte, so Müßigs These.