Initiative "Dialekt macht intelligenter"

Bayerns Kinder lernen jetzt schon einiges über Dialekte.

(Foto: Walter Korn/SZ-Photo)

Ministerpräsident Markus Söder will Schulen noch mehr Mundart-Unterricht verordnen

Von Anna Günther

Welche Wirkung Dialekt hat, weiß jeder, der zwischen mehreren Regionen aufwuchs und daher keinen Dialekt so richtig spricht. Schon die Färbung der Sprache beweist Fremdheit und Zugehörigkeit oder im Idealfall Vielfalt. Dialekt schafft Heimat und Identität, so verkündet es das bayerische Kultusministerium seit Jahren. Mindestens so lange schon gelten Heimatkrimis als Renner in Buchläden, und Schauspieler sprechen im Fernsehen und auf der Kinoleinwand Dialekt.

Nun aber verkündete Ministerpräsident Markus Söder eine Initiative zu Dialekt und Mundart in der Schule und garnierte das mit einer gehörigen Portion Eigenlob: "Sie alle wissen, dass Dialekt intelligenter macht, das sieht man an der bayerischen Staatsregierung jeden Tag." Da zuckte sogar der Schulminister. Eigenlob soll den bescheidenen Niederbayern ja fremd sein. Trotzdem kündigte der Plattlinger Bernd Sibler einen "ganz wichtigen Aufschlag" und "ausdrücklich stärkeres" Fördern an.

Zwar sagte er auch, dass die Schulen "nicht bei Null" stehen. Wo sie stehen, sagte Sibler nicht. Mundart und Dialekt standen auch vor 15 Jahren schon im Lehrplan, etwa in Deutsch in der 8. Klasse des G-8-Gymnasiums aus dem Jahr 2004: "Untersuchen der Merkmale und Leistungen von Mundart: regionale Besonderheiten erkennen, Mundartliteratur kennenlernen". Allein die vom Kultusministerium verfasste Handreichung "Dialekte in Bayern" hat schlanke 394 Seiten, vollgepackt mit Beispielen aus Film, Fernsehen, Literatur und Zeitungen, Hintergrundtexten und Arbeitsblättern für den Unterricht. Das Buch erschien erstmals 2006. Vier Jahre später initiierte der Bayernbund mit den Landräten von Traunstein und Rosenheim eine Initiative in Grundschulen und Kindergärten, um die Jüngsten zum Dialektsprechen anzuhalten. Der Verein ist fast 100 Jahre alt und fühlt sich der bayerischen Geschichte, Kultur und Mundart verpflichtet. Das Lesebuch zum Projekt erschien 2014 mit 206 Seiten.

Genauer hingeschaut, kommt also die Frage auf, was so neu und ausdrücklich an der Initiative von Ministerpräsident und Schulminister sein soll. Die Fachlehrpläne in Deutsch und Musik sollen "neu akzentuiert" werden, heißt es dazu im Ministerium. Dialekt soll im Unterricht und Schulleben positiv erlebt sowie "in die Sprachkultur und jugendliche Erfahrungswelt" eingebracht werden. Für den Fachlehrplan an Realschulen und Gymnasien sei in der Mittelstufe eine verbindliche Ergänzung vorgesehen. Konkreter wird es nicht. Der neue Lehrplan Plus, in dem diese Schwerpunkte gesetzt werden, gilt seit 2014 an den Grundschulen und seit 2016 an den weiterführenden Schulen. Eine Fachtagung für Lehrer, Schulleiter und Schulaufsicht soll der Mundart insgesamt mehr Aufmerksamkeit bringen.

Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), warb vor zwei Jahren schon für mehr Dialekt in der Schule. Sie fragt sich nun, wieso Förder- und Mittelschulen nicht in den Aufschlag eingeplant sind. Realschulverbandschef Jürgen Böhm - in Ostdeutschland sozialisiert und 13 Jahre lang Schulleiter von selbstbewusst Dialekt sprechenden Jugendlichen im Rottal - warnte davor, dass Schüler an Mundart und Dialekt die Freude verlieren, wenn diese in Prüfungen abgefragt werden. Am Ende bleibt wohl die These: Neu ist, wenn's dem Ministerpräsidenten und Ex-Heimatminister ins Heimat-Motto des Wahlkampfs passt.