Geschäft mit dem Bayernticket:"Überführt und zur Anzeige gebracht"

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Das "Taxifahren", wie die Bahner es nennen, ist für Schlepper und Mitfahrer ein Win-win-Geschäft: Die Schlepper verdienen gut daran, die Mitfahrer sparen sich Geld. Ein schwer zu kontrollierender Deal, wie der Bahnsprecher sagt: "Der bloße Verdacht reicht nicht aus, wir brauchen einen Nachweis." Und der sei nur möglich, wenn der Schlepper am gleichen Tag vom gleichen Schaffner mit unterschiedlichen Mitfahrern erwischt werde. Für die professionellen Schlepperbanden ist das leicht zu verhindern. Ein Beispiel: Schlepper A fährt von München nach Regensburg, tauscht dort mit Schlepper B das Ticket, danach fährt Schlepper A weiter nach Ingolstadt und Schlepper B zurück nach München. Weil die Schaffner in der Regel auf der gleichen Strecke hin und her fahren, bleiben die Schlepper-Profis unbehelligt.

Arif Khan ist kein Profi. In der Passauer Bahnhofshalle sammelt er vier neue Mitfahrer. Darunter Claudia, die in München wohnt und an der Uni Passau ihre Doktorarbeit schreibt. Die 28-Jährige durchschaut Khan sofort: "Ein richtig krasses Business" sei die Schlepper-Sache inzwischen: "Mich ärgert das: Er zahlt einmal 38 Euro, fährt hin und her und kassiert immer wieder ab." Claudia fährt trotzdem mit.

Mitfahrer gelten auch als Schwarzfahrer

Es ist viertel nach drei, als Khan mit der neuen Gruppe einsteigt. Es geht zurück nach München. Im selben Zug, mit dem er gekommen ist. Ein Anfängerfehler. Kurz nach Dingolfing steht der Schaffner im Abteil: Herr Richter. "Auch wieder dabei", sagt er, kramt sein Handy aus der Tasche und bestellt die Polizei zum Landshuter Bahnhof, wo der Zug in zwanzig Minuten halten wird. Wieder sagt Khan kein Wort, schaut durchs Fenster nach draußen. Es ist ein leerer Blick. Er kennt ja die Landschaft, die Tag für Tag an ihm vorbeizieht.

"Jetzt kriegt er eine Strafanzeige. Jeder muss sein Handeln verantworten, so einfach ist das", sagt Richter und dreht sich um zu Khans Mitfahrern. Auch ihnen droht Ärger. Weil sie streng genommen Schwarzfahrer sind. Doch statt 40 Euro Strafe für jeden darf die Gruppe ein neues Bayern-Ticket lösen. Der Schaffner ist gnädig, denn "diejenigen, die mitfahren, wissen oft gar nicht, dass sie sich auch strafbar machen", glaubt er. Viele aber wissen es und nehmen das Risiko trotzdem in Kauf - weil sie sich die Normalfahrpreise der Bahn nicht leisten können oder wollen.

Doktorandin Claudia und die anderen drei haben Glück: Nach kurzer Diskussion gibt Arif Khan jedem von ihnen die 7,60 Euro zurück. Ein bisschen sauer ist Claudia trotzdem. Wegen Leuten wie Khan, fürchtet sie, werde das Bayern-Ticket irgendwann abgeschafft. "Das planen wir nicht", sagt dagegen der Bahnsprecher, das Ticket sei schließlich "ein Preisrenner". Soll wohl heißen: Der Nutzen ist für die Bahn größer als der Schaden, der durch die Schlepper entsteht. Außerdem, sagt der Sprecher, habe man viele von ihnen schon "überführt und zur Anzeige gebracht."

Bei Arif Khan hat das nicht geklappt. Als der Zug in Landshut hält, ist er längst abgehauen. In der Früh steht er wieder am Bahnhof. 700 Kilometer Fahrt liegen vor ihm. Wie jeden Tag.

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