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Fall Peggy:Zweifel? Dieses Gericht hatte keine

So viele Zeugen, und alle sollen sich geirrt haben? Man kann sich, wenn man dieses Urteil liest, des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein Gericht schon mit einer ziemlich fest gefügten Überzeugung in die Verhandlung gegangen ist, und dass es eine deutliche Tendenz zeigte, alles zu glauben, was zu dieser Überzeugung passt, und alles zu verwerfen, was nicht dazu passt. Andere Gerichte entscheiden in vergleichbaren Fällen anders. Zum Beispiel das Landgericht Saarbrücken im Fall Pascal - eine Geschichte, die einige Parallelen zum Fall Peggy aufweist. Auch der fünfjährige Pascal verschwand spurlos, bis heute wurde keine Leiche gefunden. Hier gab es gleich mehrere Angeklagte, allesamt geistig auf ähnlichem Niveau wie Ulvi Kulac, die detaillierte Geständnisse ablegten, sie sogar vor Gericht wiederholten, und erst im Laufe des sehr langen Verfahrens widerriefen. Sie wurden alle freigesprochen - nicht, weil das Gericht von ihrer Unschuld überzeugt war, sondern weil es die widerrufenen Geständnisse nicht für ausreichend beweiskräftig hielt. Der Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" gilt eben nur, wenn das Gericht tatsächlich Zweifel hat. Das Landgericht in Hof war offensichtlich fest entschlossen, keine Zweifel zu haben.

Bei den Lichtenbergern und ihren Unterstützern, die an Ulvis Unschuld glauben, kann man ähnliche Tendenzen beobachten, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Sie blenden alles aus, was für Ulvis Täterschaft spricht, und sammeln mit großem Eifer alles, was Zweifel an seiner Schuld weckt.

Aber eine Wiederaufnahme des Verfahrens lässt sich mit Zweifeln allein nicht erkämpfen. Dazu bedarf es Tatsachen, und nicht nur das: Das Gesetz verlangt "neue Tatsachen oder Beweismittel, die (. . .) geeignet sind, die Freisprechung des Angeklagten zu begründen". "Neue" Tatsachen heißt: Tatsachen, die nicht Gegenstand der Hauptverhandlung waren und deshalb bei der Entscheidung nicht berücksichtigt werden konnten. Gibt es solche Tatsachen?

Eine gibt es auf jeden Fall: Der Zeuge Peter H., der im Prozess gegen Ulvi ausgesagt hatte, der Angeklagte habe ihm die Tat gestanden, hat seine Aussage widerrufen. Peter H. saß zusammen mit Ulvi im Bezirkskrankenhaus Bayreuth ein. Im September 2010, also mehr als sechs Jahre nach dem Urteil, gab Peter H. eine eidesstattliche Versicherung ab, dass er damals gelogen hatte.

Ulvi habe ihm die Tat nicht gestanden. Er sei von der Polizei bedrängt worden, eine entsprechende Aussage zu machen. Man habe ihm dafür die Freiheit versprochen. Die Staatsanwaltschaft prüfte, ob das Verfahren gegen Ulvi von Amts wegen wieder aufgenommen werden müsse und kam zu dem Schluss: Es muss nicht. Denn die Aussage von Peter H. habe bei der Urteilsberatung nur eine ganz untergeordnete Rolle gespielt. Ulvi wäre ohne Zweifel auch ohne den Zeugen H. verurteilt worden.

Ulvis Rechtsanwalt Euler sieht das anders: Niemand, sagt er, könne wissen, wie die Aussage des Peter H. das Bewusstsein der Richter geprägt habe: "Die Staatsanwaltschaft muss beweisen, dass diese Aussage nicht kausal für das Urteil war. Das kann sie nicht."

Zweiter Ansatzpunkt für ein Wiederaufnahmeverfahren: Die vielen Zeugen, die Peggy noch nach ihrer angeblichen Ermordung gesehen haben wollen. Der Reihe nach zerpflückt Euler die Begründungen der Richter, warum sie diesen Zeugen nicht glauben wollten:

Patrick G., der Peggy mit einem silberblauen Roller gesehen hatte - bei den Akten sei ein Foto von Peggys Roller, und dieser sei tatsächlich silberblau, nicht silbern, wie Peggys Mutter angegeben hatte: "Sie hat insoweit falsch ausgesagt", sagt Euler.

Robert W., der angeblich zu Peggys Mutter gesagt hatte, er sei Peggy nicht begegnet: Hier handele es sich offensichtlich um eine Verwechslung. Peggys Mutter habe in Wirklichkeit nicht Robert W., sondern einen anderen Jungen befragt, beide würden das heute bezeugen.

Die beiden Buben, die Peggy in der Bäckerei gesehen haben wollten: Die Bäckereiverkäuferin werde bei einer neuerlichen Vernehmung sicher nicht ausschließen können, dass sie die Kinder vielleicht doch nicht bemerkt habe, wenn sie sich selbst gerade in der Backstube aufhielt.

Aber ob das alles als "neue Tatsachen" zählt? Oder doch nur als neue Interpretation längst bekannter Tatsachen?

Einen Pfeil hat Rechtsanwalt Euler noch im Köcher, und der könnte sich als der schärfste erweisen: Zwei Buben, damals neun Jahre alt, die angaben, sie hätten beobachtet, wie Peggy gegen 15 Uhr vor der Bäckerei in einen roten Mercedes mit tschechischem Kennzeichen stieg. Ein Mann habe am Steuer gesessen, auf dem Rücksitz habe noch ein anderes, etwa zehn Jahre altes Mädchen gesessen.

Jörg D. und Steffen R. machten diese Aussage wenige Tage nach Peggys Verschwinden. Aber vier Wochen später, am 11. Juni, hält die Polizei in zwei Aktenvermerken fest: Jörg D. und Steffen R. seien jeweils im Beisein ihrer Mutter erneut befragt worden und hätten erklärt, sie hätten sich das alles nur "irgendwie zusammengereimt", das sei in der Schule so erzählt worden, sie hätten Peggy an diesem Nachmittag überhaupt nicht gesehen. Damit war der Fall für die Polizei erledigt. In der Urteilsbegründung des Landgerichts werden diese beiden Jungen mit keiner Silbe erwähnt.

Diese Aktenvermerke, sagt Euler, seien aber falsch: "Ich habe mit den Müttern gesprochen, die wussten nichts von diesem Widerruf. Sie waren nicht mit bei der Polizei." Die beiden Buben, inzwischen junge Männer, hätten ihm erzählt, sie seien damals alleine bei der Polizei gewesen. Man habe ihnen vorgehalten, man wisse, dass sie gelogen hätten, der jeweils andere habe schon alles gestanden. Daraufhin hätten sie Angst bekommen und so ausgesagt, wie die Polizei das gewollt habe. Aber die Wahrheit sei, dass sie Peggy tatsächlich an jenem Nachmittag beobachtet hätten, wie sie in das rote Auto einstieg.

© SZ vom 07.07.2012/afis

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