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Fall Peggy:Der lange Schatten der Ungewissheit

Im Mai 2001 verschwindet die neunjährige Peggy. Mehr als ein Jahr danach gesteht ein 23-jähriger, geistig behinderter Mann, das Mädchen getötet zu haben. Später widerruft er sein Geständnis. Dennoch wird er verurteilt. Bis heute zweifeln viele an seiner Schuld. Jetzt will ein Anwalt die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragen.

Am 7. Mai 2001 verschwand die neunjährige Peggy Knobloch aus Lichtenberg im Landkreis Hof, einem Ort mit etwas mehr als tausend Einwohnern unmittelbar an der früheren Grenze zur DDR. Mit Sicherheit wurde Peggy zuletzt gegen 13.15 Uhr auf dem Heimweg von der Schule gesehen. Vermisst wurde sie erst abends gegen 20 Uhr, als ihre Mutter von ihrer Arbeit als Altenpflegerin nach Hause kam. Eine außerordentlich aufwendige Suchaktion blieb ohne Erfolg. Weder Peggy noch ihr Schulranzen wurden jemals gefunden.

Eine Sonderkommission der Kripo ging Hunderten Spuren und Hinweisen nach. Als Spur Nummer zwei wurde Ulvi Kulac geführt, der 23-jährige Sohn eines türkischen Gastwirtsehepaars, das für den TSV Lichtenberg die Gaststätte auf dem Schlossberg führte. Ulvi Kulac, 1,75 Meter groß, 96 Kilo schwer, war nach einer im dritten Lebensjahr erlittenen Hirnhautentzündung deutlich minderbegabt. Er arbeitete für einen geringen Lohn in der Gaststätte der Eltern. In der Stadt war er als gutmütig bekannt und allgemein beliebt, er galt als eine Art Dorffaktotum. Aber Peggys Mutter hatte mitbekommen, dass ihre kleine Tochter sich gelegentlich bei Ulvi aufhielt, und sie hatte den Verdacht, Ulvi könnte etwas mit Peggys Verschwinden zu tun haben.

Konkrete Anhaltspunkte dafür ermittelte die Polizei zunächst nicht. Aber am 6. September 2001 wurde Ulvi Kulac festgenommen. Eine Frau hatte ihn beobachtet, wie er mit einem achtjährigen Jungen auf einer Bank saß, beide mit heruntergelassener Hose. Es stellte sich heraus, dass Ulvi Kulac im Verlauf der letzten beiden Jahre mehrere Buben sexuell missbraucht hatte. Schon bei seiner ersten Vernehmung erzählte Ulvi auch, Peggy Knobloch sei vier Tage vor ihrem Verschwinden in seiner Wohnung gewesen, er habe vor ihr onaniert und sie sexuell missbraucht. Beweise dafür, dass er etwas mit Peggys Verschwinden zu tun haben könnte, fand die Polizei auch jetzt nicht. Peggys Schicksal blieb im Ungewissen.

Im Februar 2002 wurde auf Betreiben des damaligen bayerischen Innenministers Günther Beckstein eine neue Sonderkommission Peggy eingesetzt. Deren Leiter, Kriminaldirektor Wolfgang Geier, verfolgte die Spur Ulvi Kulac mit besonderer Energie. Der junge Mann, mit einem IQ von 67 nahe an der Schwachsinnsgrenze, wurde viele Male vernommen; die Vernehmungsprotokolle füllen nach Angaben seines Anwalts mehr als 800 Seiten.

Am 2. Juli 2002 gestand Ulvi Kulac, er habe Peggy Knobloch getötet. Sein Vater habe die Leiche weggebracht, er wisse nicht, wohin. Peggy bleibt bis heute verschwunden. Am 30. April 2004 verurteilte das Landgericht Hof Ulvi Kulac wegen Mordes zu lebenslanger Haft. In zehn Fällen des sexuellen Missbrauchs wurde er freigesprochen, weil ein Sachverständiger ihn wegen seiner Minderbegabung und einer psychosexuellen Retardierung für schuldunfähig erklärt hatte. Wegen dieser Taten wurde er jedoch ins Bezirkskrankenhaus Bayreuth eingewiesen, wo er bis heute lebt.

In Lichtenberg aber gibt es viele, die Ulvi für unschuldig halten. Eine Bürgerinitiative wurde gegründet. Gudrun Rödel, Sekretärin in einem Anwaltsbüro, setzte sich mit besonderem Eifer für Ulvi ein. Sie ließ sich vom Gericht als Betreuerin bestellen, beschaffte sich die Ermittlungsakten und recherchierte auf eigene Faust. Schließlich beauftragte sie den Frankfurter Rechtsanwalt Michael Euler damit, einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens vorzubereiten. Der sei nun, sagt Euler, fast fertig, im Lauf der nächsten Wochen soll er bei Gericht eingereicht werden.