Eignungstest für angehende Lehrer:"Sie wird scheitern"

Dieser Eindruck verfestigt sich bei der zweiten Aufgabe, einer Gruppendiskussion. Bei Lilly gibt es für die Experten nicht viel zu beobachten. Sie sitzt still da und spricht nur ein einziges Mal - nachdem sie von einer anderen Teilnehmerin dazu aufgefordert worden ist. "Das kann nicht funktionieren, sie wird scheitern", sagt Seibert. "Wir brauchen Leute, die schon sehr viel mitbringen, denn die Lehrerausbildung in Bayern ist schlecht." Seibert bemängelt vor allem, dass im Studium viel zu wenig Wert auf Pädagogik gelegt wird. Bei einem angehenden Gymnasiallehrer zum Beispiel mache der Bereich "Schulpädagogik" nur 1,58 Prozent der Gesamtnote aus. "In Bayern ist es vollkommen irrelevant, ob ein angehender Lehrer Kinder mag oder nicht", sagt Seibert.

Auf genau diesen Punkt zielt die letzte Übung ab. Sind die künftigen Lehrer in der Lage, sich in einen Schüler hineinzuversetzen, auch wenn der sich unmöglich aufführt? Den meisten fällt diese Aufgabe sehr schwer. Zunächst ist eine kurze Filmsequenz zu sehen. Ein halbwüchsiger Schüler weigert sich, die Füße von der Bank zu nehmen. Seine Lehrerin schimpft, schreit und wird immer hektischer. Schließlich droht sie mit dem Gang zum Rektor und mit Schulausschluss. Der Schüler, der zwei Köpfe größer ist, steht gelassen auf und sagt: "Komm, ge'ma Rektorat".

Manche Teilnehmer wirken richtig geschockt als sie anschließend vor der Jury analysieren sollen, warum die Situation derart eskaliert ist. Die Hände des vorher so selbstbewussten Andreas zittern. "Viele Studenten haben ein sehr idealisiertes Bild des Lehrerberufs", sagt Hechinger. Der Film konfrontiere sie mit der harten Realität. Kaum einer der Kandidaten schafft es, sich in die Situation des aufmüpfigen Jugendlichen hineinzuversetzen. Katja versucht es zumindest, tritt dabei aber erst recht ins Fettnäpfchen. Der Schüler sei ja offenbar Türke und habe als Südländer eben ein aufbrausendes Temperament, sagt sie.

Das kommt bei der Jury gar nicht gut an. "Kultursterotype sind immer sehr gefährlich", sagt Robert Schneider, Seiberts Stellvertreter, im Abschlussgespräch. Offenbar hat er den Eindruck, dass sich die junge Frau noch zu wenig mit dem Lehrerberuf auseinandergesetzt hat. "Bedenken Sie, dass Sie als Grundschullehrerin unter Umständen Positionen vertreten müssen, hinter denen Sie persönlich gar nicht stehen, die Sie aber vertreten müssen, weil die Schule dahintersteht oder das System", gibt er Katja mit auf den Weg.

Dass sie selbst einmal durchs Abitur gefallen ist, wird ihr dagegen als Pluspunkt angerechnet. "Das ist eine Erfahrung, die Ihnen helfen wird, Kinder, die in der Schule Probleme haben, besser zu verstehen", sagt Schneider. Am Ende bekommt Katja ihre Empfehlung fürs Lehramt; Andreas sowieso. Und was wird aus Lilly? Bei diesem Abschlussgespräch will Hechinger lieber keine Zuhörer dabei haben.

© SZ vom 17.10.2013/afis
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