Brose und Oberfranken:Der Herrscher

Prozessauftakt in Coburg

Zeitungsausschnitt auf dem Tisch der Verteidigung im Prozess gegen Michael Stoschek.

(Foto: dpa)

Der Coburger Unternehmer Michael Stoschek lenkt nicht nur einen Weltkonzern. Er hat sich mit seinem Ego inzwischen eine ganze Region untertan gemacht

Von Katja Auer und Olaf Przybilla

Norbert Kastner steht auf dem Petersplatz in Rom und nein, Michael Stoschek vermisse er kein bisschen, sagt er ins Telefon. Das könnte man als Gemeinheit werten, aber vermutlich ist das einfach die Wahrheit. Kastner war 24 Jahre Oberbürgermeister von Coburg, in diesen Jahren hat er alle Seiten des Unternehmers erleben dürfen. "Und da gab es auch gute", beeilt er sich zu sagen. Der Ex-OB weiß, von was er redet, immerhin hat er mit Stoschek mal eine Autorallye bestritten. So was verbindet. Zumindest für eine gewisse Zeit.

2001 war das, damals entstand ein Foto, dessen Kraft keine Werbeagentur besser in Szene hätte setzen können. Der Firmenlenker eines Weltkonzerns, Stoschek, saß am Steuer. Der Rathauschef einer ebenso hübschen wie überschaubaren Stadt gab den Beifahrer. Wer damals die Idee hatte, weiß Kastner nicht mehr, vielleicht hat er es auch verdrängt. Ein "Sportsmann" sei Stoschek schon, der aktive Rennfahrer und ehemalige Springreiter. Einer, der "gewinnend" sein könne, sagt Kastner, aber eben auch "cholerisch und bestimmend", was im Lauf der Jahre prägend wurde für die Beziehung von OB und Firmenboss. Wann es genau zum Bruch kam? Kastner weiß es nicht mehr. Er hat nur beobachtet, dass die Aufregung um Stoschek, der Ärger, die Verwerfungen nicht weniger geworden sind, seit er 2014 aus dem Amt geschieden ist. Dabei hieß es doch immer, da sei halt eine Männerfreundschaft zerborsten, deshalb krache es in Coburg dauernd. "Tja, gar nichts ist anders als früher."

Eher im Gegenteil, muss man sagen. Die Sache etwa mit Edmund Frey. Kein Oberbürgermeister, keiner, der ein wichtiges Amt innehat in Coburg. Vielmehr einfach nur einer, der sich öffentlich Gedanken gemacht hat darüber, ob es denn richtig sein kann, dass ein früheres NSDAP-Mitglied, wie es Max Brose war, mit einem Straßennamen geehrt wird. Stoschek wollte es so, Brose war sein Großvater und gründete das Autozuliefer-Unternehmen. Der Stadtrat weigerte sich lang. Bis er sich im Mai doch dem Willen Stoscheks unterwarf. Wenig ruhmreich, es gab harsche Kritik, von Historikern, von der evangelischen Kirche, auch vom Zentralrat der Juden. Stoschek wischte sie vom Tisch, erbittert verteidigte er die angebliche Vorbildfunktion seines Großvaters. Und sich selbst. Es war eine persönliche Sache, seine Sache, das war ihm anzumerken.

Der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung von Brose gilt als einer der reichsten Männer der Republik, im Unternehmen mit Stammsitz in Coburg sind weltweit mehr als 23 000 Menschen beschäftigt bei einem Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro. Er ist erfolgreich, seine 67 Jahre sieht man ihm nicht an, er ist weltläufig, mit dem Bundesverdienstkreuz und anderen Auszeichnungen dekoriert. Aber wenn ihm etwas übel aufstößt, ein Leserbrief in der Lokalzeitung etwa, schreibt Stoschek gerne persönlich. Wenn es sein muss auch mitten in der Nacht.

Wie an den Privatier Frey, einen ruhigen, historisch interessierten Mann, der gerne an der Sache entlang argumentiert. Frey hat inzwischen mehrmals persönliche Post vom Brose-Boss bekommen. In einem der Schreiben formuliert Stoschek seinen Eindruck, nach 1945 sei zwar das "N" aus der Parteibezeichnung entfernt worden, Coburgs SPD habe aber Grundsätze der "vorangegangenen Arbeiterpartei" übernommen. Ein Vergleich von SPD und NSDAP, selbst für Stoschek starker Tobak.

Aber es gibt noch ein anderes Schreiben an Frey. Es beginnt mit der Formulierung, Frey sei ein Pharisäer, das Wort ist mit vier Ausrufezeichen versehen. Er bediene sich der Methoden der Nazis, operiere mit Denunzierung. Frey war fassungslos, als er das las. Er habe Stoschek vorgeschlagen, sich für die Entgleisungen zu entschuldigen. Daraus wurde nichts. "Wie üblich", sagt Frey, "the king can do no wrong". Immerhin: Der SPD-NSDAP-Vergleich tat Stoschek bald leid. Eine "emotionale Reaktion" sei das gewesen, erläutert er. Zu erklären "nur durch die nicht berechtigten Verwürfe gegenüber meinem Großvater".

1,65 Millionen

Als er die vielen Nullen sah, da habe er erstmal nachrechnen müssen, erzählt Unternehmer Michael Stoschek. Bis ihm klar wurde: 1 650 000 Euro, also 1,65 Millionen Euro, soll er zahlen, weil er ohne Genehmigung mit einem Klebekennzeichen unterwegs war. 55 Tagessätze sind das, und die werden in Deutschland aus dem Einkommen errechnet. Das von Stoschek wurde geschätzt, so steht es im Strafbefehl. Das Amtsgericht kam auf den Höchstsatz von 30 000 Euro. Wegen Kennzeichenmissbrauchs und Urkundenfälschung. Stoschek legte Widerspruch ein, nun wird es einen Prozess geben. Fahren ohne Kennzeichen wird in der Regel mit einem Bußgeld von 60 Euro geahndet.

Stoschek fühlt sich oft missverstanden, ungerecht behandelt gar. Wie momentan von Coburgs Staatsanwaltschaft. Die hat einen Strafbefehl erwirkt über 55 höchstmögliche Tagessätze, das ergibt eine Summe von 1,65 Millionen Euro. Die soll Stoschek zahlen, weil er ein Klebekennzeichen auf seinen Porsche pappte, weil das aerodynamischer ist und schicker aussieht. Allerdings braucht es dafür eine Genehmigung und die hatte er nicht. Lächerlich findet das Stoschek, auch wenn er sich anders ausdrückt, und vermutet, an ihm solle ein Exempel statuiert werden.

Wieder verteidigt er sich, stellte sich vor zwei Wochen daheim in Ahorn mit jenem Porsche vor die Kameras. Er verteilte den Strafbefehl an Journalisten, legte Fotos vor von anderen Autos mit Klebekennzeichen, sprach vom großen Zuspruch, den er von den Leuten bekäme. Alles, um die Unverhältnismäßigkeit der Justiz zu betonen. Da werde jetzt wieder vom "Milliardär" geredet, sagte er, ungeachtet dessen, dass er das meiste Geld wieder in die Firma stecke. Er verwies darauf, dass sein Unternehmen immerhin 50 000 Familien ihre Existenz sichere. Das ist Stoschek wichtig, immer habe er es als Verpflichtung gesehen, über das Unternehmen hinaus zu denken und zu handeln. "Das muss man schon im Zusammenhang sehen", meint er. Seine Wohltaten, die vielen Spenden, die müssten wohl seiner Ansicht nach angerechnet werden auf ein so kleines Vergehen. In seinem Heimatort hat Stoschek das Bürgerhaus finanziert und als es vor drei Jahren in Coburgs Altstadt brannte, stellten er und seine Schwester fünf Millionen Euro bereit. 2012 wurde er als "Wohltäter der Stadt" geehrt. Und jetzt das.

Missverstanden fühlt sich Stoschek aber nicht nur von der Staatsanwaltschaft. Auch in Bamberg hat er Ärger, ausgerechnet dort. Dabei hatte Stoschek die Stadt auserwählt, als er sich in Coburg, auch vom damaligen OB Kastner, zu wenig verstanden fühlte: kein Verkehrslandeplatz, kein Innenstadtkonzept, kein Firmenbegrüßungsschild auf einer Verkehrsinsel. Nun baut Brose in Bamberg einen neuen Unternehmenssitz und sponsert das Basketball-Team. Dafür haben sie ein Parkhaus abgerissen, das Volksfest verlegt und die Startbahn am Flugplatz verlängert. Dennoch. Jetzt will die Stadt Stoschek ein Ordnungsgeld aufbrummen, das wird geprüft. Denn Stoschek ist kürzlich mit einem Amphibienfahrzeug der Wehrmacht auf der Regnitz rumgeschippert. Wieder ohne Genehmigung. Er wurde angezeigt. Was Stoschek mehr als kleinkariert findet, auch daraus macht er keinen Hehl.

In Bambergs Rathaus gibt man sich unbeeindruckt. Auch wenn es Leserbriefschreiber gibt, die fordern, man möge mit so einem Mann großzügiger umgehen. So klingt es auch bei Stoschek durch. Er sagt freilich etwas anderes: "Natürlich sind vor dem Gesetz alle Menschen gleich und ich will keine Sonderbehandlung, sondern eine Gleichbehandlung wie alle anderen."

Als sich der Coburger Stadtrat noch weigerte, eine Straße nach Max Brose zu benennen, stellte das Unternehmen sein soziales Engagement in der Stadt weitgehend ein. In einem Brief an einen Kindergarten war zu lesen, "dass sich die Firma Brose in der Stadt Coburg solange nicht mehr als Sponsor engagiert, wie die aktuelle politische Situation anhält." Stoschek selbst bestreitet, dass er Einfluss auf die Lokalpolitik nehme, sich diesen gar erkaufe. Vielmehr streite er schlicht für optimale Rahmenbedingungen für Brose. Sein Einfluss werde überschätzt. "Auch ich muss mit den besseren Argumenten überzeugen", sagt er. Falle eine politische Entscheidung anders aus, als es seiner Überzeugung entspreche, akzeptiere er das "natürlich".

© SZ vom 12.09.2015
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