bedeckt München 17°
vgwortpixel

Bilanz der Zollfahnder:Pillen und Pullen

Kiloweise Drogen und Tausende Flaschen Spirituosen: Die Münchner Zollfahnder hatten im vergangenen Jahr so viel zu tun wie lange nicht mehr. Auch der Handel mit Anabolika, Potenzmitteln und anderen Arzneien ist sprunghaft gestiegen.

Ein Kolumbianer mit 68 Päckchen Kokain im Magen. Ein Wohnmobil, in dem 95 Kilogramm Marihuana versteckt sind. Eine deutsch-italienische Bande, die mehr als eine Million Liter Spirituosen schmuggelte. Die Ermittler des Zollfahndungsamtes München, die Fälle in ganz Bayern bearbeiten, hatten mit 2000 neuen Verfahren im vergangenen Jahr so viel zu tun wie lange nicht mehr. 2550 Beschuldigte, so das Fazit der am Mittwoch vorgestellten Bilanz für 2012, erhielten insgesamt 943 Jahre Freiheitsstrafe. "Die durch Ermittlungen nachgeforderten Steuern und Zölle belaufen sich auf 20 Millionen Euro, die Geldstrafen auf 780 000 Euro", sagt Sprecher Christian Schüttenkopf. Ein Schwerpunkt der Ermittlungen war der Rauschgiftschmuggel, doch auch die Zahl der Verfahren wegen des Handels mit Anabolika, Potenzmitteln und anderen Arzneien ist sprunghaft gestiegen.

Rauschgift

180 Kilogramm Marihuana stellten die Münchner Fahnder im vergangenen Jahr sicher, so viel wie von keiner anderen Droge. Kokain ist mit 60 Kilogramm aber offenbar auch recht beliebt. "Ecstasy ist dagegen wohl gar nicht mehr gefragt, da hatten wir keinen einzigen Fall", sagt Schüttenkopf. Die Schmuggelroute über den Balkan war auch im vergangenen Jahr wieder der Hauptverkehrsweg von internationalen Drogentransporten nach Deutschland und Westeuropa. So griffen Zöllner im Mai einen Wohnmobil auf, der unter Sitzen, in Schränken und Ablageflächen 95 Kilogramm Marihuana an Bord hatte. Die Ermittlungen der Fahnder ergaben, dass das Rauschgift aus Albanien stammte und ein Schmuggelring in Nordrhein-Westfalen hinter der Lieferung steckte. Während sich die Zollfahnder sorgen, dass Crystal vor allem aus Tschechien mit fünf Kilogramm sichergestellter Ware immer mehr Abnehmer findet, spielte sich der spektakulärste Kokainschmuggel 2012 am Münchner Flughafen ab: Mithilfe einer Röntgenuntersuchung entdeckten Zöllner bei einem 45-Jährigen aus Kolumbien 68 Kondome im Körper, die mit je 30 Gramm flüssigem Kokain gefüllt waren. Der Mann überlebte die riskante Schmuggelvariante.

Arzneimittel

Während die Zollfahnder noch im Jahr 2010 nur 51 Ermittlungen wegen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz führten, waren es im Jahr 2012 bereits 496 Fälle. "Das wird immer mehr zum Problem", sagt Schüttenkopf. Die Zöllner zogen angebliche Schlankheitsmittel und Haarwuchsmittel aus dem Verkehr. Die meisten Verfahren richteten sich aber gegen den illegalen Handel mit Anabolika. Die Grundstoffe kommen meist aus Fernost, in kleinen Privatlaboren in ihren eigenen Wohnungen panschen die Täter dann die Substanzen mit Magnetröhren und anderen Geräten zu Tabletten, Pulvern oder Flüssigkeiten zusammen. "Wir hatten einen Täter, der auf seine Anabolikafläschchen sogar ein gefälschtes Biosiegel gepappt hat", erzählt Christian Schüttenkopf. In einem anderen Fall stellten die Ermittler Tatverdächtige, die 700 000 Potenzpillen teils schon über Internetportale vertrieben hatten. Der Wert der Ware: Knapp vier Millionen Euro.

Tabak

Allein der Steuerschaden durch den Schmuggel von Zigaretten und Wasserpfeifentabak, den das Zollfahndungsamt München im Jahr 2012 aufdeckte, betrug mehr als zehn Millionen Euro. Die Ermittlungsgruppen "Capri" und "Saubohnen" ließen unter anderem Schmuggler auffliegen, die 215 Tonnen Wasserpfeifentabak in die EU brachten - unter Tarnladungen für Fruchtsäfte und Saubohnen. Nicht nur der Schmuggel war hier ein Problem: Arabischer Wasserpfeifentabak hat einen so hohen und gesundheitsgefährdenden Glyceringehalt, dass er in Deutschland verboten ist.

Spirituosen

Insgesamt 13 Verfahren gegen Alkoholschmuggler führten die Zollfahnder im vergangenen Jahr. Unter anderem verhafteten die Ermittler zusammen mit italienischen Kollegen 21 Deutsche und Italiener und stellten alleine in der Bundesrepublik 7000 Liter Wodka und 24 000 Flaschen Wein und Prosecco sicher. Der Steuerschaden in beiden Ländern betrug zehn Millionen Euro. Die Schmuggler fuhren den Alkohol mit korrekten Frachtpapieren nach Bayern und hätten ihn in sogenannte Steuerlager bringen müssen. Steuern wären erst angefallen, wenn die Ware dort an Händler weiterverkauft worden wäre. Die Schmuggler veräußerten die Spirituosen aber direkt - sie hatten Zöllner im italienischen Bari bestochen, die ihnen die nötigen Dokumente ausstellten. Der Alkohol war immer nur auf dem Papier in den Steuerlagern angekommen.

© SZ vom 11.04.2013/afis
Zur SZ-Startseite