bedeckt München 13°

Bayern-SPD:Der Weckruf des Schrats

Walter Adam hat als Gegenkandidat von Florian Pronold seine Schnarchpartei aus dem Schlaf gerissen. Warum die Bayern-SPD ihm dafür dankbar sein kann.

Eine Kommentar von Sebastian Beck

Endlich hat die bayerische SPD einen neuen Star. Er heißt Walter Adam, ist 71 Jahre alt und kommt aus Abensberg. Mit dem Facebook-Video, in dem er seine Kandidatur für den Landesvorsitz ankündigt, hat er seine Schnarchpartei aus dem Schlaf gerissen und an einen Termin am Samstag erinnert: Dann will sich Florian Pronold auf dem Parteitag in Hirschaid wieder für zwei Jahre im Amt bestätigen lassen.

Der 42-jährige Pronold führt den Landesverband seit 2009 vor allem deshalb, weil die SPD keinen anderen hat. Er ist ein großer Anti-Charismatiker, der eine erstaunliche schnelle Wandlung vom niederbayerischen Juso-Raufbold zum Berliner Politik-Technokraten durchgemacht hat. Pronold selbst plant mit sich als Spitzenkraft bereits über das Jahr 2018 hinaus, was nicht gerade für demokratische Demut spricht. Und er würde notfalls auch mit der CSU in Bayern eine große Koalition eingehen, um auch mal am Kabinettstisch zu sitzen.

Weiser Schrat mit Rauschebart

An der Parteibasis kommt all das bei vielen Mitgliedern schlecht an. Insofern hat Adam den Nerv getroffen: TTIP, Vorratsdatenspeicherung, Koalitionsträume, Pronold - das sind den Traditionalisten ein paar Zumutungen zu viel. Adam dagegen lässt sich in seinem Video als weisen alten Schrat mit Rauschebart inszenieren, der in die milde Abendsonne lächelt und an Großtaten der Roten von einst erinnert. Wie heißt es doch in dem Lied von Haindling? "Früher, da war's schöner, des sagen die alten Männer." Selbst ein Bierkrug und ein Dackel dürfen da nicht fehlen.

Man darf das alles für ziemlichen Kitsch halten, doch Adam zielt damit direkt aufs Gemüt seiner bayerischen Genossen. Mit Ansprachen dieser Art tut sich einer wie Pronold schwer, er kann auf der Bühne reden, so viel er will, seine Sprüche nimmt man ihm trotzdem irgendwie nicht ab. Bei seiner letzten Wahl zum Landesvorsitz ist Pronold ohne Gegenkandidaten auf lediglich 80,6 Prozent der Stimmen gekommen. Am Samstag wird er nicht einmal das schaffen, denn Adam ist allemal für ein zweistelliges Ergebnis gut. Schon jetzt gebührt ihm das Verdienst, dass er die langweilige Parteitagsregie zunichte gemacht hat. Die SPD sollte um jeden froh sein, der mal quer über den Acker fährt.

© SZ vom 25.06.2015/lime

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite