Autobahn A 95 Rasen ist gesellschaftsfähig

Solch maßloser Selbstüberschätzung begegnet Gerhard Laub beinahe täglich. Der 60-Jährige ist Verkehrspsychologe des TÜV Süd in München. Hat ein notorischer Schnellfahrer acht Punkte in Flensburg beisammen, muss er Laub in der medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) Rede und Antwort stehen - ansonsten ist der Führerschein dauerhaft weg. "Nur wenige Autofahrer müssen wegen dauernder Geschwindigkeitsübertretungen zur MPU", sagt Laub. "Sie gehören aber zu einer Gruppe, die hochgradig rückfallgefährdet ist." Frei nach dem Motto: Meistens geht es gut, und wenn nicht, dann merke ich es ja ohnehin nicht mehr.

Die meisten Unfallopfer in Bayern kommen auf Abschnitten ums Leben, auf denen es keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt.

(Foto: SZ)

Für diese rücksichtslose Haltung macht der Psychologe aber nicht nur die Raser selbst verantwortlich. Betrunkene Autofahrer würden gesellschaftlich geächtet, bei Temposündern sei das anders: "Leider ist es immer noch salonfähig, zu erzählen, dass man es vom eigenen Ermessen abhängig macht, sich an die Limits zu halten. Wer sich immer korrekt verhält, gilt im Bekanntenkreis schnell als Weichei." Ein generelles Tempolimit auf Autobahnen will er aber nicht vorbehaltlos unterstützen: Die meisten Unfälle passierten immer noch auf Landstraßen - obwohl dort grundsätzlich nicht schneller als 100 Kilometer pro Stunde gefahren werden darf.

Kein Mittel gegen die Physik

Für Feuerwehrmann Buck, der bei seinen Einsätzen auf der A 95 immer wieder mit Toten und Verletzten konfrontiert wird, steht dagegen fest: Ein Tempolimit von 130 oder 140 könnte dazu beitragen, dass Unfälle glimpflicher verlaufen. Er glaubt, dass sich viele Autofahrer mit Assistenzsystemen wie ABS und ESP in trügerischer Sicherheit wiegen: "Aber gegen die Physik bei Aquaplaning, da kann man nichts machen."

Außer den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Doch eher würde in Deutschland die Industrie verstaatlicht als ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen eingeführt: 200 Menschen sind in Bayern im vergangenen Jahr bei Unfällen mit überhöhter Geschwindigkeit gestorben, gab Innenminister Joachim Herrmann kürzlich bekannt. "Überhöhte Geschwindigkeit ist der Killer Nummer eins im Straßenverkehr." Aber Herrmann setzt nicht auf neue Tempolimits, sondern auf Überwachung der bestehenden. Zum Beispiel durch den "Superblitzer". Sein neuester Stolz ist eine 230 000 Euro teure Überwachungsanlage, die auf drei Autobahnspuren gleichzeitig Tempo messen kann. Doch die steht logischerweise nicht an der Garmischer Autobahn, wo es kaum Beschränkungen gibt. Sondern auf dem Münchner Autobahnring A 99 bei Aschheim.

Stehen Blitzer an den gefährlichen Stellen?

Kritiker halten Herrmann ohnehin vor, nicht dort zu blitzen, wo es am gefährlichsten ist. Sondern dort, wo durch viel Verkehr am meisten zu holen ist. Solche Angriffe muss sich Herrmann inzwischen sogar von der Opposition anhören. SPD-Innenexperte Peter Paul Gantzer, selbst passionierter Porschefahrer, ohne dass das jetzt etwas heißen soll, verlangte Aufschluss, nach welchen Kriterien eigentlich in Bayern Tempomesser aufgestellt werden. "Viele Autofahrer beklagen inzwischen, dass es bei Radarfallen wohl vor allem um Abzocke geht", schrieb er an Herrmann - zwei Tage vor dem Unfall bei Icking. Das weist der Innenminister zurück: "Uns geht es nicht um Abzocke der Autofahrer, sondern darum, die Autofahrer zu einem angemessenen Tempo zu animieren."

Und Porsche? Müsste man Autos, die als Waffen dienen, nicht wenigstens drosseln? Erst auf mehrmalige Nachfrage reagiert die Porsche AG in Stuttgart-Zuffenhausen. Ein Unternehmenssprecher teilt telefonisch mit, dass man zu Unfällen keine Stellung beziehe. Per Mail wird dann aber doch noch ein Statement nachgereicht: "Porsche befürwortet Sicherheitsmaßnahmen der Verkehrsbehörden, wo diese notwendig erscheinen und insbesondere an Unfallschwerpunkten."