Ausstellung im Amerikahaus:German Handwerk in den USA

Als Europa in Schutt und Asche sank, gründeten Auswanderer und Exilanten drüben erst recht Blaskapellen und Trachtenvereine. Sie nennen sich "The Bavarian Schuhplattlers of Edmonton", klingen jagerisch wie "The Original Auerhahn Schuhplattlers of Miami" oder heben das Alpengefühl hervor wie die "Bergvagabunden Kingston", um nur einige der 80 Vereine aus dem Trachtengau Nordamerika zu nennen. Vom Bayernvirus war auch ein gewisser John Brisben Walker infiziert, der 1911 in den Bergen von Colorado ein Schloss bauen wollte, das wie Neuschwanstein aussehen sollte. Dem in der Münchner Ausstellung gezeigten Plan zufolge hätte es das Fantasieschloss Ludwigs II. an Bombast wohl noch übertroffen, wäre dem Bauherrn nicht das Geld ausgegangen.

Umgekehrt neigten die Bayern schon weit vor der Ära der amerikanisch geprägten Global-Kultur zur Aneignung amerikanischer Lebensart. Das begann schon um 1890, als sogar Mitglieder des bayerischen Königshauses bei Buffalo Bill's Wild West Show auf der Münchner Theresienwiese lauthals jubelten.

Kunsthandwerk made in Germany

Zweifellos hätten die Bayern nach dem Krieg viele Kunstschätze ohne die Hilfe amerikanischer Kunstschutzsoldaten (Monuments Men) verloren. Ein herausragendes Beispiel für Kulturrettung lieferte der US-Offizier John D. Skilton nach der Zerstörung Würzburgs im März 1945. Unter Umgehung des Dienstweges beschaffte Skilton Holz, um die schutzlosen Deckenfresken von Giovanni Battista Tiepolo vor Wind und Regen zu schützen. Damit legte er den Grundstock für den Wiederaufbau der Residenz, die seit 1981 zum Weltkulturerbe zählt. Ähnlich verdienstvoll ist der Beitrag des Amerikaners Benjamin Thompson, der sich in München als Sozialreformer und als Gestalter des Englischen Gartens (1789) hervortat.

Umgekehrt schmückt bayerisches Kunsthandwerk amerikanische Städte. Die Kugelkaryatide des Landshuter Bildhauers Fritz Koenig, die 2001 den Terrorangriff auf die Twin Towers heil überstand, ziert heute den Battery Park in New York. Die Bronzetore für das US-Kapitol in Washington stammen wiederum von der Münchner Erzgießerei Miller, die auch die Bavaria auf der Theresienwiese schuf.

Nicht zuletzt legten die Amerikaner nach dem Krieg die Basis für Presse- und Meinungsfreiheit. Die Süddeutsche Zeitung erhielt am 6. Oktober 1945 als erste bayerische Zeitung der Nachkriegszeit von der amerikanischen Militärregierung eine Lizenz. Somit konnte die SZ zwei Jahre später über einen Plan des US-Außenministers George Marshall berichten, der zum größten Wiederaufbau-Programm der Geschichte wurde. Dieser Marshallplan schuf letztlich die Voraussetzung dafür, dass heute 78 000 Amerikaner in Bayern leben und die Bayern in den USA auch kulturell und sportlich reüssieren - etwa der FC Bayern, der in New York ein Büro unterhält, und die Münchner Firma Arri, der die Academy of Motion Picture Arts and Sciences bereits 18 Technik-Oscars verliehen hat.

Freiheitsstatue und Freistaat. 180 Jahre Bayerisch-Amerikanische Beziehungen, Amerikahaus München, Karolinenplatz 3, bis 2. Oktober, Mo-Fr 10-17 Uhr, Mi 10-20 Uhr

© SZ vom 10.08.2015/vewo
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