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Erste Lehman-Aktie versteigert:"Es schlummern Millionenschätze auf den Dachböden"

24.000 Euro für eine Aktie: So viel hat ein Sammler in Würzburg für die erste Lehman-Aktie ausgegeben. Der neue Besitzer will anonym bleiben. Doch Auktionator Matthias Schmitt spricht über ein teures Hobby und die Faszination dieser ungewöhnlichen Leidenschaft.

Birgit Kruse

Die US-Bank Lehman-Brothers ist längst insolvent, das Inventar versteigert. Nun kam auch die erste Aktie des US-Unternehmens in Würzburg unter den Hammer und wurde für 24.000 Euro ersteigert. Der neue Besitzer will anonym bleiben. Auktionator Matthias Schmitt jedoch spricht über die ungewöhnliche Sammelleidenschaft - und warum bislang Millionenbeträge noch unentdeckt auf Dachböden schlummern.

Auktion mit Wertpapieren von Lehman Brothers

Für 24.000 Euro hat Auktionator Matthias Schmitt die erste Aktie vom Lehman-Brothers versteigert.

(Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Herr Schmitt, gestern haben Sie die erste Lehman-Aktie für 24.000 Euro versteigert. Wie geht es Ihnen heute?

Matthias Schmitt: Die Stimme ist noch heiser. Aber sonst geht es mir gut.

sueddeutsche.de: Sind Sie zufriedenen mit der erzielten Summe?

Schmitt: Die Summe lag deutlich über meinen Erwartungen. Weltweit gibt es bei Aktien-Auktionen vielleicht fünf bis zehn Zuschläge im Jahr, die über 20.000 Euro liegen.

sueddeutsche.de: 24.000 Euro für ein wertloses Papier. Worin liegt die Faszination für einen Sammler?

Schmitt: Dieses Papier hat Weltgeschichte geschrieben. Lehman-Brothers steht für die weltweite Finanzkrise. Die Aktie mit der Nummer 001 ist das Belegstück dieser Finanzkrise. Und genau das macht sie auf dem Sammlermarkt so begehrt. Stellen Sie sich vor, Lehman wäre 1994 nicht an die Börse gegangen...

sueddeutsche.de: ... dann hätten Sie das Stück nicht versteigern können.

Schmitt: Richtig. Aber ohne diesen Börsengang wäre es vielleicht auch nicht zur Pleite gekommen. Und genau das macht das Sammeln von Aktien so spannend.

sueddeutsche.de: War die Lehman-Aktie Ihr bislang größter Deal?

Schmitt: Nein. Im Frühjahr konnten wir beispielsweise die Aktie vom Ludwig-Donau-Main-Canal, dem Vorläufer des Rhein-Main-Donau-Kanals, für 25.000 Euro versteigern. Und wir hatten eine Anleihe von der Oost-Indischen Compagnie (V. O. C.) von 1651 für 21.000 Euro.

sueddeutsche.de: Und wer sammelt hirstorische Wertpapiere?

Schmitt: Die meisten Kunden kommen aus dem Finanzbereich. Sie arbeiten entweder in einer Bank, an der Börse oder investieren gerne am Aktienmarkt. Auch viele Unternehmer sammeln. Zudem sind fast alle unser Kunden männlich. Woran das liegt, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Männer finden es vielleicht besonders spannend, ein Stück Papier von historischer Bedeutung zu besitzen.

sueddeutsche.de: Die meisten Menschen wissen doch gar nicht, dass man für alte Aktien noch Geld bekommen kann.

Schmitt: Ja, leider. Insgesamt sind allein in Deutschland weit über eine viertel Million verschiedener Wertpapierarten gedruckt worden. Im Sammlermarkt ist jedoch vielleicht nur ein Fünftel bis ein Sechstel bekannt. Nicht, weil sie alle vernichtet worden sind, sondern weil viele Menschen nicht wissen, dass die Papiere noch einen Sammlerwert haben. Es liegen Millionenschätze auf den Dachböden der Deutschen rum.

sueddeutsche.de: Weltweit gibt es nur drei größere Auktionshäuser, die mit Aktien handeln. Warum interessieren Sie sich dafür?

Schmitt: Eigentlich habe ich BWL studiert, nachdem ich mich bereits seit dem Crash von 1987 für die Börse interessiert habe. So ist mein Interesse für Wertpapiere aller Art entstanden - auch für die historischen. Vor mehr als zehn Jahren habe ich dann damit begonnen, ein Auktionshaus für historische Aktien aufzubauen.

sueddeutsche.de: Sie selbst sammeln auch. Ist es da nicht frustrierend, die Perlen nur vorübergehend, also bis zum Verkauf, in der Hand zu halten?

Schmitt: Nein. Die Spitzenstücke könnte ich mir alle privat gar nicht leisten. Und so kann ich sie wenigstens mal in der Hand halten, etwa ein Kuxschein, also einen Anteilsschein der Bergwerksgesellschaften, mit der Originalsignatur von Goethe oder ein Papier mit der Rockefeller-Unterschrift, also von Leuten, die Geschichte geschrieben haben. Das ist ein tolles Gefühl.

© sueddeutsche.de/bica

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