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Audi und Amen:Auf Gottes Fahrbahnen

Erstmals in Bayern hat das Netzwerk Christen in der Automobilindustrie in Ingolstadt einen großen Gottesdienst gefeiert. Die Gläubigen bitten um den Erhalt von Jobs in der Branche und "Weisheit" für ihre Vorstände - wollen aber auch ihre Werte in die Unternehmen tragen

Es mag Zufall sein, aber manche Losungen, die vom Altar aus an die Gemeinde gerichtet werden, könnten als Slogans in der Autowerbung Erfolg haben. Von der "Kraft zur Veränderung" ist die Rede oder von "Produkten, die dem Menschen dienen". Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke sagt: "Das Auto ist nicht wegzudenken", nie seien die Menschen so in Bewegung gewesen wie in der mobilen Gesellschaft von heute. Die Branche gebe vielen Lohn und Brot, doch sollten die Beschäftigten auch bedenken, dass die Schöpfung "uns als Leihgabe übergeben" und "nicht zum Verzehr und Verbrauch gedacht" sei.

Es ist exakt der Zwiespalt, der die Automobilhersteller, Zulieferer und deren Mitarbeiter umtreibt, bei vielen Gottesdienstbesuchern in der Ingolstädter Sankt-Pius-Kirche sieht man zustimmendes Nicken. Ebenso, als Hanke Mut zuspricht und aufruft zum "Gebet, das uns mit Jesus, dem Arbeitersohn von Nazareth, neu verbinden soll". Ein Gospelchor singt "Amazing Grace" - "War blind, nun aber sehe ich."

Erstmals in Bayern hat das Netzwerk Christen in der Automobilindustrie (CAI) am Donnerstagabend einen konfessions- und firmenübergreifenden Gottesdienst gefeiert, mit Hanke sowie dem evangelischen Regionalbischof Klaus Stiegler aus Regensburg und dem Wolfsburger Industriepfarrer und CAI-Gründer Peer-Detlev Schladebusch. Mit etwa 300 Gläubigen, von Audi natürlich, das Werk liegt im Pfarreibereich; dazu mit Gästen unter anderem von BMW oder MAN in Nürnberg, von Firmen in Baden-Württemberg, darüber hinaus mit zahlreichen "normalen" Gemeindemitgliedern, die neugierig herbeiströmen. Wer von den Teilnehmern letztlich Automensch ist und wer nicht, lässt sich kaum mehr beziffern. Die Parkplatznot um die Kirche spricht aber für sich, ein Helfer weist viele Wagen mit der Taschenlampe im angrenzenden Wohngebiet ein.

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Stoßgebete gegen die Krise der Autoindustrie? Helfen womöglich, dem christlichen Netzwerk in der Branche geht es aber um eine Grundhaltung: "Wer langfristig Wertschöpfung haben will, muss Leute haben, die Werte leben."

(Foto: Imago)

"Wir wünschen uns, dass christliche Werte im Arbeitsleben in den Unternehmen und in der sozialen Verantwortung außerhalb der Unternehmen sichtbar werden." So definiert Schladebusch die CAI, "nicht zu verwechseln mit der CIA". Hervorgegangen ist das Netzwerk aus Gebetskreisen bei Herstellen, einen ersten habe es in den Siebzigerjahren bei Daimler gegeben. Dass in Sindelfingen mehrere Hundert Mitarbeiter Gottesdienst feierten, schaute er sich vor gut zehn Jahren einmal persönlich an. "Wie der ungläubige Thomas - das wollte ich sehen", sagt der Pastor, der auch Manager in Ethikfragen schult. Zurück bei VW kam die Idee des Netzwerks auf, 2013 gab es bei der Internationalen Automobilausstellung den Startschuss. Es ist ein loses Dach für Dutzende Gebetskreise mit mehr als 1000 Engagierten in Deutschland - ohne Hierarchien. Ob katholisch, evangelisch, Mitglied einer Freikirche oder einfach nur interessiert, ob Monteur am Band oder Aufsichtsrat, alles sei dabei. Nicht als hochheilige Angelegenheit, sondern individuell und durchaus mit Humor, so Schladebusch. Bei BMW etwa habe man das Motto "BMW - Bet' mal wieder" ausgerufen. In Ingolstadt bei Audi sind in drei Kreisen um die 50 Leute dabei, einmal pro Woche in der Mittagspause, bei Continental am Ort ist gerade ein Kreis in Gründung. "Wer langfristig Wertschöpfung haben will, muss Leute haben, die Werte leben", sagt Schladebusch. Dafür stünden die Christen ein, sie gäben ihren Glauben nicht am Werkstor ab. So wie die Gottesdienstbesucher ihren Beruf nicht an der Kirchenpforte abgeben. Am Rande gibt es allerlei Fachgespräche, "Qualitätskontrolle" hört man als Wortfetzen. Oder auch: "Rezession".

Man könnte den Termin überspitzt ja so deuten: Stoßgebete gegen die Krise bei Audi. Bis 2025 will die VW-Tochter hierzulande 9500 Stellen streichen, jeden sechsten Arbeitsplatz - wenngleich durch sanfte Maßnahmen, nicht durch Kündigungen; erst mal gilt eine Beschäftigungsgarantie. Dennoch ist im erfolgsverwöhnten Ingolstadt Unsicherheit aufgekeimt wegen der radikalen Umwälzungen, die in der Branche anstehen. Der Gottesdienst war allerdings bereits mit mehr als einem Jahr Vorlauf geplant, auch wegen der hochrangigen Geistlichen. "Im ganzen Land gibt es Menschen, die für ihren Job beten", das sei nichts Ungewöhnliches, betont Chris Orlamünder; er ist Audi-Mitarbeiter und CAI-Sprecher am Ort. Ein Krisengottesdienst sei das also keineswegs.

Peer-Detlev Schladebusch, Gründer des Netzwerks.

(Foto: Johann Osel)

Spätestens bei den Fürbitten in der Kirche werden aber die Zeichen der Zeit spürbar. Für den Erhalt des Standorts und der Arbeitsplätze rufen Gläubige den Herrgott an, die Vorstände möge bei Zukunftsentscheidungen "Weisheit" ereilen. Es wurden Fehler gemacht, heißt es in einer Bitte über den Abgasskandal, Gott möge "Gnade walten lassen über unseren Industriezweig". Und es geht um fairen, guten Umgang miteinander in Unternehmen, "gerade in schwierigen Zeiten" - damit "Wertschätzung nicht nur ein Wort bleibt, sondern mit Liebe angefüllt" werde. Es sei eine "Zeit der Transformation mit unklarem Ende", predigt Regionalbischof Stiegler. Arbeit bedeute - außer Selbstverwirklichung und Geldverdienen - auch, dass man mit seinen Talenten aufgerufen sei, die Welt zu gestalten. "Im Glauben an Gott finden wir Kraft, neue Wege zu suchen und zu finden." Schladebusch zitiert Prognosen zum Stellenabbau in der Branche, die Studienmacher hätten sich wohl nie gedacht, mal Teil einer Predigt zu sein. Mancher frage sich: Wo ist Gott in der Krise? Als Christ fange man da "nicht bei null" an, Beten sei schon Handeln. Es sei "nicht nur etwas für kleine Kinder und alte Omis, den Draht mit dem Schöpfer heiß zu halten".

© SZ vom 11.01.2020
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