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75. Gründungstag:Die CSU muss nüchtern feiern

Kabinett Bayern

Einer, dem auch die CDU was zutraut: CSU-Parteichef und Ministerpräsident Markus Söder.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

In der Hanns-Seidel-Stiftung debattieren Markus Söder und drei ehemalige Parteichefs miteinander. Einer fehlt

Von Roman Deininger

Sollte es Markus Söders Absicht gewesen sein, die K-Frage an diesem Tag mal außen vor zu lassen, dann ist dieser Plan schon kurz nach seiner Ankunft im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung grandios gescheitert. Im Foyer hängt ein halbes Dutzend historischer CSU-Wahlplakate herum, vor jedem ließe sich vortrefflich für Fotos posieren, doch das eine Plakat, vor dem Söder schließlich sein schönstes Grinsen auspackt, stammt aus Franz Josef Strauß' Bundestagswahlkampf 1980. "Damit ein Bayer Kanzler wird", steht darauf.

Dass einer aus ihren Reihen die Republik regiert, das ist ja so ziemlich das Einzige, was die Christlich-Soziale Union in den 75 Jahren ihres Bestehens noch nicht geschafft hat. 75 Jahre CSU, in einer Welt ohne Virus hätte das sicher ein rauschendes Fest gegeben, bei dem Söder von Gebirgsschützen, Alphornbläsern und lebenden Löwen flankiert worden wäre. Doch das Fest fällt aus, und auch ihren für Dezember geplanten Jubiläumsparteitag hat die CSU verschieben müssen. So sitzt Söder also am Samstag allein mit der Moderatorin Katja Voigt auf einer Bühne, der nicht mal ein Buchsbaum an Dekoration gegönnt ist. Zum Anstoßen wird alkoholfreier Sekt gereicht - so nüchtern hat man die CSU noch selten erlebt. Nur knapp fünfzig Leute sind im Saal, jeweils getrennt von drei leeren Stühlen. Vorn haben neben Söder seine Vorgänger im Parteivorsitz Platz genommen: Erwin Huber, Edmund Stoiber und Theo Waigel, wobei letzteren beiden anzumerken ist, dass sie in ihrem persönlichen Social Distancing schon mehr als zwei Jahrzehnte Praxiserfahrung haben. Horst Seehofer, eigentlich der Fünfte im Bunde, hält wie gewohnt besonders konsequent Abstand zur Partei, er ist gar nicht gekommen. Die Feierstunde ist im Grunde eine live gestreamte Talkshow, und keine schlechte. In einem Videoeinspieler werden die Ex-Chefs gefragt, was sie im Rückblick anders machen würden. Jeder hat etwas, Stoiber etwa würde seine Reformpolitik besser erklären. Dann Schnitt zu Seehofer: "Anders machen würde ich überhaupt nichts."

Bemerkenswert ist auch Waigels Einlassung, er würde, hätte er nochmal die Chance, nicht mehr darauf warten, dass das Ministerpräsidentenamt zum Mann kommt. 1993 hat diese Strategie der Zurückhaltung bekanntlich dazu geführt, dass statt seiner Stoiber in die Staatskanzlei einzog. Die wüsten Machtkämpfe der Vergangenheit leugnet keiner der Veteranen; Söder erklärt sie lyrisch zum Beweis "innerparteilicher Vitalität". Zudem fällt auf, dass der Frauenförderer Söder von den "Gründermüttern und -vätern" der CSU spricht - bislang war der Mütteraspekt in der offiziellen Historie nicht gerade überbetont worden.

Zum Schluss darf Söder durch Druck auf einen roten Buzzer eine Webseite zur CSU-Geschichte freischalten. Zum Jubiläum hat die Stiftung außerdem "75 Enthüllungen über eine Partei" herausgegeben - ein kurzweiliger Band, wenngleich 75 Jahre CSU durchaus auch ein paar unangenehme Enthüllungen hergegeben hätten. Die drängendste Frage betrifft die Zukunft. Ein Bayer als Kanzler? "Umfragen sind wie Flugsand", beteuert Hobbypoet Söder. Grundsätzlich begrüße er es aber, dass in der CDU erwogen werde, "sogar mal einem CSUler wieder etwas anzuvertrauen".

© SZ vom 14.09.2020
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