Unfälle mit dem Fahrrad Der Kampf gegen Abbiege-Unfälle

Wenn sich die Industrie schon nicht bewegt, muss die Politik handeln - so sieht es der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), der Gesetzesänderungen fordert. So sollen nicht nur Abbiege- und Bremsassistenten vorgeschrieben werden, sondern auch Außen-Airbags und Warnsysteme, die Radfahrer vor sich öffnenden Autotüren warnen. Auf offene Ohren ist die Fahrrad-Lobby damit nicht gestoßen. "Das wird auch nichts vor der nächsten Legislaturperiode", räumt Anton Hofreiter, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag, ein. Der Grünen-Politiker ist überzeugt, dass Lkw-Spiegel und Promillegrenzen allein nicht ausreichen. Abbiegeassistenten erteilt er dennoch eine Absage: "Diese Systeme galten bisher als zu wenig ausgereift. Wir sollten unseren Blick besser auf die gesamte Infrastruktur richten."

Autofahrer und Radler kommen sich in der Innenstadt manchmal gefährlich in die Quere.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auf EU-Ebene befasst sich ebenfalls ein Deutscher mit der Thematik. Dieter-Lebrecht Koch (CDU) ist stellvertretender Vorsitzender des Transportausschusses im EU-Parlament. "Ich sehe jeden Verkehrsteilnehmer, auch Radfahrer, in der Pflicht, zu seiner eigenen Sicherheit beizutragen", sagt Koch. Laut "European Road Safety Observatory", einer europäischen Verkehrsdatenbank, seien im vergangenen Jahr 1960 Fahrradfahrer in der EU tödlich verunglückt - ein Rückgang um 38 Prozent im Vergleich zu 2002.

Freiburg geht voran

Wenn es um verpflichtende Abbiegesysteme für Lastwagen geht, zeigt sich der Parlamentarier zurückhaltend: Die EU-Kommission habe erst vor wenigen Wochen eine Richtlinie vorgeschlagen, die eine "Veränderung des Fahrersichtbereichs" vorsehe. Eine Pflicht für Abbiegesysteme gehe daraus jedoch noch lange nicht hervor. "Politik sollte Ziele vorschreiben, aber keine technischen Lösungen."

Schluss mit der Blockadepolitik: Als erste deutsche Großstadt schaffte Freiburg vor einigen Jahren 160 sogenannte Trixi-Spiegel an. Sie hängen an Ampelkreuzungen direkt über dem Rotlicht und sollen so den toten Winkel eliminieren. Der Name geht auf den Spiegel-Erfinder Ulrich Willburger zurück, dessen Tochter Beatrix im Oktober 1994 beim Rechtsabbiegen von einem Lkw überrollt wurde. "Nur durch viel Glück hat sie überlebt", erzählt Willburger, "aber an den Folgen leidet sie bis heute." Der auf Elektromechanik spezialisierte Unternehmer aus dem bayerischen Seehausen hat sich seither dem Kampf gegen Abbiege-Unfälle verschrieben. Die Trixi-Spiegel lässt er im eigenen Betrieb produzieren, Stückpreis: 100 Euro.

Für die Lkw-Hersteller ist der volkswirtschaftliche Schaden zu gering

In Deutschland kam der Unternehmer mit seiner Initiative zunächst nur langsam voran. "Einige Bürgermeister nutzten das Thema für ihren Wahlkampf", sagt Willburger. Danach habe er nie wieder etwas von ihnen gehört. "Die Lkw-Hersteller sagten mir ins Gesicht, dass sie keine Kooperation wünschen." Der volkswirtschaftliche Schaden durch derartige Unfälle sei einfach zu gering, lautete die Begründung. Ganz anders die Resonanz in der Schweiz: Als Reaktion auf drei tödliche Fahrradunfälle in Winterthur wurden dort bereits 1998 die ersten Spiegel installiert. Es folgten Basel, Luzern, Biel, Aarau und Bern.

Fast 20 Jahre nach Trixis schwerem Unfall kommt nun auch in Deutschland wieder Bewegung in die Sache. Großstädte wie Münster, Frankfurt, Dessau und Oldenburg haben die Spiegel zumindest an einigen Kreuzungen aufgehängt. Wie groß ihre Wirkung tatsächlich ist, lässt sich allerdings nur schwer abschätzen. In Freiburg warnte die Polizei nach der Einführung der Spiegel vor überzogenen Erwartungen. 2011 kamen dort die letzten beiden Radfahrer ums Leben - vier Jahre, nachdem die ersten Spiegel installiert wurden.

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